Fotos: Waldinger

Wo die Stunde schlägt

9. August 2015

In der Schweizer Bundesstadt Bern – das Zentrum ist UNESCO-Welterbe

Bern. So sind sie die Schweizer, immer etwas anders! Wer ihre Verfassung liest, stellt fest: Eine Hauptstadt haben die Eidgenossen eigentlich gar nicht. Aber Bern darf sich wenigstens rühmen, Sitz der Bundesbehörden, sprich der Regierung und des Parlaments, zu sein. In der Bundesstadt beginnt die Sommerreise durch das kleine, aber feine Nachbarland. Sie führt durchs Berner Oberland nach Gstaad, von Kultur- zu Bergspitzen, vom Zytglogge- zum Käsegrotten-Mann. Und wer hat all das erfunden? Natürlich die Schweizer.
Bern ist 1191 gegründet worden. Die regelmäßig angeordneten Gassen sind bis heute weitgehend unverändert geblieben. Gut erhaltene Sandsteinfassaden und eine besondere Dächerlandschaft prägen mit elf Figurenbrunnen aus dem 16. Jahrhundert das historische Bild. Sehenswert ist das Münster, eine dreischiffige, spätgotische Basilika an der Aare, dem Fluss, der die Altstadt malerisch in einer Schleife umfliesst.

Bis vor kurzem soll es im mit über 100 Metern höchsten Kirchturm der Schweiz sogar noch eine Wohnung gegeben haben, in der seit geraumer Zeit aber niemand mehr lebt. Immer dienstags und samstags finden auf dem Münster- und dem Bundesplatz farbenfrohe Märkte mit frischem Gemüse, Blumen, Käse und Fleischwaren statt.
Die Altstadt gehört seit 1983 zum UNESCO-Welterbe. Eine der wohl längsten Einkaufsstraße Europas durchzieht sie. Selten nimmt man in einer Stadt dieser Größe mit nur etwa 140.000 Einwohnern so viele Geschäfte wahr. Die Kramgasse bildet das Herzstück. Sie war, rund 30 Meter breit, für die Marktleute früher Berns beliebteste Handelsstraße.
Typisch sind die Arkaden, deren Länge sechs Kilometer ergeben. Die Laubengänge gehen auf die früheste Stadtentwicklung zurück, dienten zur Unterbringung von Marktständen und Geschäften. Schon damals handelten die Marktleute bei jedem Wetter, um Geld zu verdienen. Heute führen Zugänge zu trendigen Modegeschäften, Clubs, Kinos, Theater und urigen Bars, die sich alle unter den Häusern befinden.

So gehen die Berner beispielsweise zum Friseur in den Keller, angelegt früher als Vorratsräume. Von der Terrasse des Kornhauskellers am Kornhausplatz lässt sich der Blick auf Leben und Treiben in der Altstadt genießen. Wer es etwas ruhiger, aber genauso geschichts­trächtig mag, nimmt unter Fresken von Rudolf Münger Platz, bei gedämpftem Licht natürlich unten im Keller des Restaurants.

Der Maler (1862-1929) ist übrigens bekannt geworden auch als Johanna Spyris „Heidi“-Illustrator.
Zu den markantesten Wahrzeichen gehört der Zeitglockenturm, auf Schwyzerdütsch Zytglogge genannt. Er stellte von 1191 bis 1256 Berns erstes Westtor dar. Die astronomische Kalenderuhr an der Fassade und deren überdimensionales Uhrwerk innen gelten als wahres Meisterwerk mittelalterlicher Uhrmacherkunst. Um es sich anzuschauen, muss man durch eine schmale Tür in den Turm hinauf, wo Zeitglockenrichter Markus Marti erklärt, wie die jeden Tag aufzuziehende Uhr funktioniert.
Blumenfreunde könnte der Rosengarten interessieren, eine vor allem im Frühjahr und Sommer blütenreiche Parkanlage mit über 200 verschiedenen Rosensorten. Mit der Linie 10 in Richtung Ostermundigen gelangt man dorthin. Die Haltestelle heißt auch Rosengarten. Zu Fuß sind es über die Nydeggbrücke nur etwa fünf Gehminuten.

Wer Bern künstlerisch kennenlernen möchte, dem empfiehlt sich das Zentrum Paul Klee im Fruchtland 3. Der Bau des italienischen Architekten Renzo Piano verfügt über eine der bedeutendsten Sammlungen von Werken des Künstlers Paul Klee (1879-1040). Von Pianos amerikanischem Kollegen Daniel Libes­kind stammt, ebenso architektonisch herausragend, die erst 2008 eröffnete Freizeit- und Einkaufswelt Westside, die unter einem Dach Wellness, Events und Shopping zusammenfasst.
Traditionelle Veranstaltungen im Jahreslauf sind die Fasnacht und der „Zibelemärit“-Zwiebelmarkt.

Bei der Sichlete Mitte September erobern Berner Kühe den Bundesplatz. Zeitgleich findet im nahen Emmental der Almabtrieb statt, etwa von der Hinterarmialp nach Sumiswald. Stolz sollen die Berner nach Angaben des Bern-Tourismus auf ihr „schönstes Flussbad der Welt“ sein, das „Marzili“, das im Sommer die Gäste lockt, die sich im erfrischenden Wasser der Aare eine Abkühlung gönnen wollen.

Rainer Waldinger

Bern3 Bern1

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