Der Weihnachtsmarkt vor dem Wiener Rathaus gehört zu den schönsten seiner Art. Fotos: so

Wien – nicht nur Schnitzel und Sacher-Torte

25. Dezember 2016

Wien. Über dem Kalbsfleisch schlägt die Panade Blasen und die Kellnerin eilt schon einmal mit einem Einspänner herbei. Bei Letzterem handelt es sich lediglich um eine Tasse Kaffee, die hier niemand als solche bestellen mag, um nicht gleich in den Niederungen der Nichtachtung zu verschwinden. Natürlich spielt sich diese Szene in Wien ab, jener Stadt, die in so manchen Umfragen als lebenswerteste der Welt besungen wird. Dort wo einst Sissi und Mozart ihre Spuren hinterlassen haben. Für Musik-Legastheniker sei gesagt, es handelt sich dabei nicht um den Erfinder der Mozart-Kugeln, die in höherer Dosis jeden Kalorienhaushalt zerschießen können – der Komponist, dessen Werke im Köchelverzeichnis aufgenommen sind, ist aber nur eine Person im Reigen der vielen berühmten Kinder ihrer Stadt, die prägende Eindrücke hinterlassen haben.

Eigentlich war der Justin Bieber des 18. Jahrhunderts ja Salzburger, aber das wird hier gern verschwiegen, so wie in Österreich niemand freiwillig über die Herkunft des furchtbarsten Diktators auf deutschem Boden reden würde. Kaiserin Sissi, die so etwas wie ein lebensfrohes Enfant Terrible der Monarchie war, ist zeitlos hip.

Sie ziert beispielsweise als Deckengemälde das Entrée des Hotels Mercure Vienna First. Niemand des Hauses wird das auffällige Tatoo auf dem Oberarm der Prinzessin unerwähnt lassen, wenn er darauf angesprochen wird. Die Monarchin hat sich das Andenken in einer mitteleuropäischen Hafenkneipe „zugezogen“, ihr aufmerksamer Gemahl Franz-Joseph soll Überlieferungen zufolge, diesen Körperschmuck erst nach zehn Jahren entdeckt haben. Das würde in Wien heute sicherlich nur wenigen männlichen Forschern unterschiedlicher Geschlechter so ergehen. Das Hotel ist ohnehin ein Quell Wiener Spezialitäten, was sich nicht nur auf die gut sortierte Küche bezieht. Auch der Fußboden lässt keinen Zweifel daran, dass nach dieser Stadt ein Tanz benannt wurde, der weltweit Einzug in die Ballsäle und Wohnstuben gefunden hat.

Ob nach den Kompositionen von Johann Strauß oder den Volksmusikern der Tiroler Szene, der Wiener Walzer ist bei den mit Pomade und Schuhcreme frisierten Sportlern ebenso ein Begriff wie für die Pferdefreunde ein Fiaker, der in der Regel von zwei Zugtieren bewegt wird. In deren Adern fließt eine offensichtlich hohe Dosis Kaltblut, die sich auch auf die Preise der Kutscher ausgewirkt haben muss. Sie sind dafür bekannt, dass sie einen eigenwilligen Taxameter für unkundige und euphorisierte Urlaubsgäste aktivieren können. Martina Amon indes beweist sich als glaubwürdige Begleiterin, ist Wienerin und Historikerin überdies, so dass ihre Ausführungen über den ersten und zweiten Bezirk der Stadt nicht bezweifelt werden müssen. Der zweite Bezirk Wiens ist heute ein Stadtteil, der von den jungen Bewohnern der Millionenmetropole gern als Partymeile genutzt wird.

Die Kneipen sind dann auch so häufig anzutreffen, wie Glühweinbuden auf einem kommerziell ausgerichteten Weihnachtsmarkt. Kein Wunder, dass Bereiche um die älteste Kirche Wiens oft als Bermuda-Dreieck bei Freunden alkoholischer Getränke werden. Die St.-Ruprecht-Kirche indes, hoch über dem Donaukanal, versteckt sich in ihrem Dasein hinter den glasschwangeren Fassaden ihrer Umwelt. Für eine Kirche der römisch-katholischen Ausrichtung ist sie geradezu karg ausgestattet und erhält ihr Flair erst durch den Schein Hunderter Kerzen, die von den Gläubigen gegen Abend entzündet werden. Eine passendere Stätte innerer Zuwendung ist kaum denkbar. In unmittelbarer Nähe dieser geistlichen Stätte verkündet der Schwedenplatz seine heutige Stellung als Verkehrsknotenpunkt durch hupen, quietschen der Autos und dem Sprachgewirr der Menschen.

Er bekam seinen Namen, weil die Schweden den Wienern großzügig in der Hungersnot halfen und mit Lebensmitteln unterstützten, als der erste Weltkrieg seine Spuren bei der Bevölkerung hinterließ. Er markiert den Übergang zwischen dem ersten Bezirk mit den vorzeigbaren Gemäuern wie Stephansdom oder Hofburg und zahlreicher Museen zum zweiten Bezirk, der historisch eher ein schwarzes Kapitel der Stadt kennzeichnet. Schon beim Spaziergang durch die Straßen bedrücken den Gast die vielen „Stolpersteine“, die zu Ehren der ermordeten Juden im Dritten Reich gesetzt wurden.

Die Bevölkerungsgruppe machte in der Hauptstadt der Gestapo um 1900 noch 200.000 Einwohner aus, heute sind im zweiten Bezirk nur noch 3.000 Juden im Einwohnermelderegister verzeichnet. Uniformierte werden aber an jeder Ecke gesehen – heute sind sie zum Schutz der Bewohner und der Synagogen im Viertel unterwegs. Dieser Part der Geschichte darf sich auch in Wien nicht wiederholen, bekräftigt die deutliche Mehrheit der Bevölkerung einer Stadt, die heute knapp 1,8 Millionen Einwohner zählt. Noch 1916 waren es 2,2 Millionen.

Kurt Sohnemann

Infos: www.wien.info/de
www.accorhotels.com

 

 

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