Fotos: Ulla Kanning

Fotos: Ulla Kanning

West-Norwegen – alpin und maritim zugleich

4. November 2018

Ein Land für Menschen, die noch staunen können

Fjorde, deren Finger tief ins Landesinnere reichen, glasklare Gebirgsseen mit felsigen Ufern, schneebedeckte Gipfel, wilde Bäche, spektakuläre Wasserfälle, karge Hochmoore und üppige Wälder: Norwegen ist ein Land für Menschen, die das Staunen nicht verlernt haben. Die Reisenden erwarten eine opulent ausgestattete Natur und unaufgeregte Menschen, die der Umgebung ihre Lebens-Grundlage abtrotzen mussten. Ein Urlaub fängt mit Entschleunigung an und das geht hier schnell, auch wenn darin ein gewisser Widerspruch zu liegen scheint.
Kaum hat man mit dem Auto oder dem Wohnmobil die Fähre verlassen, da wird man in die landestypische Gemächlichkeit eingefügt. Die langen Strecken des großen Landes werden zumeist auf Landstraßen zurückgelegt, die in Felsen hineingesprengt sind und sich deshalb bergab und bergauf schlängeln, unterbrochen von zahllosen, teils kilometerlangen Tunneln, Brücken und kurzen gerade Strecken, die auch gern von Schafen, Kühen oder Elchen genutzt werden. Mehr als 80 km/h sind weder erlaubt noch möglich. Für die 360 Kilometer von Kristiansand zum Hardangerfjord benötigt man gut und gerne sieben Stunden.

Die Region südlich von Bergen, der zweitgrößten Stadt Norwegens, präsentiert sich mit allem, was das Land ausmacht: Fjorde von großem Fischreichtum, Bergzüge und Gipfel, die Wanderer und Kletterer glücklich machen, Gletscher, die auch im Sommer Wintersport ermöglichen. Hordaland bietet alpine und maritime Höhepunkte, wie die Museumswerft Hardanger in Norheimsund. Der drittgrößte Gletscher Norwegens, der Folgefonna, lockt Skiläufer in die Höhe, eine abenteuerliche Autofahrt auf Schotterpisten eingeschlossen. Den Hardangerfjord, auf den er hinabblickt, überspannt eine der längsten Hängebrücke der Welt – sie ist mautpflichtig, wie viele Brücken und Strecken in Norwegen. Dafür bietet sie den unvergesslichen Eindruck unterirdischer Kreisel in ihren Zufahrten und einen atemberaubenden Ausblick auf den Fjord mit seinen steilen Ufern, an deren Hänge sich kleine Siedlungen geklebt haben.

Im Frühjahr blühen hier dekorativ die Apfelbäume, aber auch sonst finden regelmäßig Kreuzfahrtschiffe den Weg in den 170 km langen und bis zu knapp einen Kilometer tiefen Meeresarm. Von Eidfjord aus werden dann Touristen, die sich gern auf Postkarten-Idylle beschränken, zu den umliegenden Natur-Attraktionen gekarrt. Sie trifft man am Vøringfossen, dem meistbesuchten Wasserfall Norwegens, der sich aus über 180 Metern Höhe in die Tiefe stürzt wie eine Schar lebensmüder Lemminge, die in der größten Hochebene Europas, der Hardangervidda, zu Hause sind. Diese Region ist ein Paradies für Wanderer.

Wer nach so viel Natur und Landschaft ein bisschen Kultur und Leben braucht, ist in Bergen gut aufgehoben. Die Stadt mit den sieben Hausbergen und zahllosen vorgelagerten Inseln bietet alle Annehmlichkeiten einer modernen Metropole. Und viel Wasser – unten am Hafen und von oben: Im Schnitt an über 200 Tagen im Jahr regnet es in Bergen. Überhaupt ist Norwegen nichts für Warmduscher. Der Sommer kommt spät und endet früh. Mitte September ist die Saison endgültig vorüber und man muss mit Kälte und Schnee rechnen. Dann wird es ungemütlich und selbst die Trolle im Wald suchen sich ein warmes Plätzchen.

Ulla Kanning

 

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