Foto: Brauereigaststätte Aying

Wenn ein Dorf mit den Blumen seiner Biere aufblüht

31. Juli 2016

Das Bierdorf Aying vor den Toren Münchens schreibt seine eigene Geschichte – sieben Generationen lang wichtigster Wirtschaftszweig

Wenn eine Ortschaft knapp über 1.800 Einwohner zählt, eines der interessantesten Ziele für Touristen in Oberbayern ist und sogar Wladimir Putin zur Herberge wurde, dann ist die Anziehungskraft nicht mit jedem anderen Dorf Deutschlands vergleichbar. Tatsächlich hat Aying eine recht individuelle Entwicklung genommen. Die Ursache ist hauptsächlich im Bier zu suchen, das in Oberbayern einen Stellenwert einnimmt, der dem des Wassers, des Gebets und des täglichen Brots in nichts nachsteht. Wer das Ortsschild Ayings passiert hat, muss nicht lange nach dem wichtigsten Gut suchen. In lockerer Art stehen die Häuser der Einwohner um den Ortsmittelpunkt, in dem der zweitgrößte Maibaum Bayerns alles überragt. Er macht das offensichtlich nur, um vom wirklichen Mittelpunkt abzulenken.

Der Dorfplatz erstreckt sich wie ein „roter Teppich“ aus Pflaster und Asphalt vor dem Brauereigasthof Hotel Aying. Auch die Bezeichnung der Nobelherberge lässt nicht unbedingt vermuten, dass sich dahinter ein Hotel versteckt, das es mit jedem noch so hochtrabend klingenden Namen in der nahen Landeshauptstadt München aufnehmen kann. Insbesondere der Brauereibetrieb des Hauses, der sich ebenfalls im Ort befindet, hat Aufsehen durch die Qualität der Biere erregt. 2014 wählten die Juroren die Privatbrauerei Aying zum „European Beer Star“ und somit zur besten Brauerei Europas. Vier Biere wurden mit Medaillen ausgezeichnet. Damit nicht genug. Ein Jahr später trug das Ayinger Weißbier den höchstdotierten Bierpreis Europas davon und den Publikumspreis in Gold konnten die Ayinger Braumeister ebenfalls mit in ihr kleines Dorf nehmen. Kein Wunder, dass der Bierumsatz auf derzeit stattliche 90.000 Hektoliter im Jahr anstieg. Nicht nur gut für die Brauerei, auch gut für den Ort. Die Quelle des guten Bieres ist natürlich bedeutender Arbeitgeber im Ort und zieht jede Menge Gäste aus der Landeshauptstadt an, die hier in idyllischer Umgebung den Gerstensaft genießen wollen. Diese Qualität ist auch am russischen Präsidenten Wladimir Putin nicht ungehört vorbeigegangen. Um seine politischen Geschäfte mit den Gastgebern in Deutschland abzuwickeln, mietete er sich in den Brauereigasthof von Aying ein.

Aber auch andere Gäste von Rang und Namen gehen gern bei der Familie Inselkammer vor Anker. „Wir sind als Familienbetrieb gewachsen und haben unsere eigenen Bedürfnisse immer denen des Unternehmens nachgestellt“, erzählt Angelika Inselkammer, die mit 90 Angestellten einen Hotel- und Restaurationsbetrieb führt, der seinesgleichen sucht. Kontinuierlich wurde im Ort auf Selbstversorgung gesetzt, ein eigenes Sägewerk aufgebaut, die Landwirtschaft extensiv betrieben und ein Biergarten eingerichtet, in dem 500 Gäste Platz finden. Das Wachstum geschah über mittlerweile sieben Generationen. Gegründet wurde der Betrieb der Familie von Franz Liebhardt. 1878 ließ Johann Liebhardt die ersten Braukessel aufstellen und fuhr vier Mal pro Woche nach München, um dort die Erzeugnisse des Hauses zu verkaufen, wozu auch Milch und Holz gehörten. Das Bier aber schmeckte den Gästen offensichtlich so gut, dass es zum Tagebucheintrag von Johann Liebhardt kam: „Von uns das erste Bier ausgeschenkt, sehr gut und alles voller Leut. Michl und Müller von Höhenkirchen solche Räusch, dass sie zehnmal umgeworfen.“

Die 34 Zimmer im Brauereigasthof sollten bald nicht mehr reichen, die Gäste unterzubringen. So ließ Angelika Inselkammer vor sieben Jahren auch das Herrenhaus so umbauen, dass Zimmer und Suiten entstanden, die mit ihrem typisch-bayerischen Charme die Gäste zum Schwärmen bringen. So ist dezent die Grundlage geschaffen, noch mehr Gäste nach Aying zu locken, die nach dem Bier auch noch die Gastfreundschaft des Hauses genießen können. Wer die Vergangenheit direkt erleben möchte, kann das übrigens auch auf einer historischen Kegelbahn, auf der sich die „Kegeljungen“ aus dem Dorf noch ein stattliches Taschengeld durch Aufstellen der Zielobjekte hinzuverdienen.

Kurt Sohnemann

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