Fotos: Koch

Weichsel, Wianki, Wawel und Wojtyla

13. August 2017

Mit dem Rad durch Krakau / Jüdische Spurensuche bis zu Schindlers Liste

Krakau mit dem Rad erkunden und an der Weichsel entlang fahren! Noch nicht viele der jährlich mittlerweile über zehn Millionen Besucher in Europas Kulturhauptstadt 2000 dürften das tun. „Aber Fahrradfahren in Polen wird immer beliebter, die Leute wollen raus in die Natur, aktiv sein, was erleben“, sagt Kampio-Radreisenorganisator und In-Natoura-Partner Piotr Kaminski, der uns bei dieser Tour begleitet.

Sie findet zu Johannis statt, wenn die Krakauer ihr Wianki-Fest feiern, Mädchen und Frauen ähnlich Mittsommer in Schweden geflochtene Kränze in ihrem Haar tragen. Hauptmarkt, Tuchhallen und Marienkirche stehen auf dem Programm. Von dem Gotteshaus, bekannt durch seinen 13 Meter hohen und 11 Meter breiten Veit-Stoß-Altar, ertönt wie schon seit 600 Jahren zu jeder vollen Stunde, original geblasen, das Hejnal genannte Wächtersignal.

Kirchen und Klöster gibt es auch in Krakau und Umgebung viele. Wir befinden uns schließlich im nach wie vor weitgehend streng katholisch-gläubigen Polen, das sogar den gottlosen kommunistischen Zeiten zu trotzen wusste. Am Gebäude unterhalb des 230 Meter hohen Wawel-Burgberg-Plateaus in der schmucken Ulica Kanonicza zeigt ein Bild einen jungen Geistlichen, 1920 nicht weit entfernt in der Kleinstadt Wadowice geboren, der nach Krakau zieht, hier studiert, lehrt, Bischof, Kardinal wird – und sich dann auf den Weg nach Rom in den Vatikan ins höchste Amt macht, das die Katholische Kirche zu vergeben hat, als „Stellvertreter Gottes auf Erden“:

Karol Wojtyla, später Papst Johannes Paul II., hat von 1951 bis 1967 in diesem Haus gelebt. Passanten gehen vorbei, verbeugen und bekreuzigen sich. „Er wird bei uns noch immer sehr verehrt“, sagt Sylwia Jeruzal, die uns durch die Stadt begleitet, „obwohl er schon 2005 verstorben ist.“

Auf dem Wawel steht eine Statue von ihm. Der Blick des 2014 Heiliggesprochenen, gehüllt in päpstliche Gewänder, die Tiara auf dem Kopf und den Hirtenstab mit dem Gekreuzigten in der Hand, ist auf die Kathedrale gerichtet, in der seit 1320 37 Krönungen stattgefunden haben, fast alle Könige des Landes und Stanislaus, einer der drei Schutzheiligen der Stadt, ruhen. Wenn Gott auf unserer Seite ist, wer ist dann gegen uns? Es heißt, ein Baumeister habe nach Abschluss der Arbeiten am zweiten bedeutenden Bauwerk auf Krakaus wichtigstem Hügel, dem Königsschloss, diese Inschrift in Anlehnung an einen Bibelspruch über einem der Tore anbringen lassen. Die Frage wirkt nach beim Blick hinunter auf die Stadt und die Weichsel.

Nächster Tag. Ein Ausflug in die Umgebung steht an. Es könnte heiß werden. Wir decken uns mit ausreichend Mineralwasser für unsere von Monika Olejak geführte Tour immer Richtung Westen ein. Basia Polarczyk-Palider von „Bike Me“ hat sie über Google Maps ausgearbeitet. Wer sie nachfahren will:

Start am Hauptmarkt. Kopernikus-Denkmal, Altstadtgrenze, Barbakane-Bastion, Florianska-Tor, Slowacki-Theater, Blonie-Wiesen, Kosciuszko-Hügel als Symbol der Freiheit und Unabhängigkeit in Erinnerung an den Nationalhelden und General, der im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gekämpft und in der Heimat den Aufstand zur Verteidigung der Verfassung gegen Russland und Preußen angeführt hat. Dann nur noch an der Weichsel, polnisch Wisla, entlang und hoch zur Benediktinerabtei bei Tyniec. Zurück am Zakrzówek-See vorbei, einem gefluteten Steinbruch, der im Zweiten Weltkrieg ein Arbeitslager war und vor seiner Flutung als Kulisse für den Film „Schindlers Liste“ diente.

Alles zusammen: Länge 40 Kilometer. Reine Fahrzeit zweieinhalb Stunden. Schwierigkeitsgrad: Eigentlich für jeden ganz gut zu schaffen. Für den Weg zum Kosciuszko-Hügel hinauf kann gelten: Wer sein Rad liebt, der schiebt! Tipp: In Ryszard Madrackis Gartenbistro Wyspa, übersetzt Insel, mit kleiner Galerie, aufgebaut in Flussnähe um einen alten Eisenbahnwagon herum irgendwo im Niemandsland, in dem es trotzdem eine Adresse gibt, die 30-376 Krakau, Tyniecka 180, lautet, einfach die Seele baumeln lassen!

Was auf der Spurensuche tags darauf schwer fällt im Viertel Kazimierz, dem nach Prag zweitgrößten Europas mit solchen Bauwerken jüdischer Geschichte. Und im Museum der ehemaligen Fabryka Schindlera, benannt nach Oskar Schindler (1908-1974), der im Zweiten Weltkrieg dort in der Straße Lipowa 4 rund 1200 jüdische Zwangsarbeiter vor dem sicheren Tod durch die deutschen Besatzer gerettet hat. Der von Israel, dem jüdischen Staat, dafür 1962 als „Gerechten unter den Völkern“ ausgezeichnet worden ist. Der in Jerusalem auf dem Zionsberg begraben liegt. Und dem US-Regisseur Steven Spielberg 1993 genauso wie Kazimierz mit „Schindlers Liste“ ein filmisches Denkmal setzte.

Günther Koch

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