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Von Wasser umgebener Schutz vor Begleiterscheinungen der Zivilisation

12. März 2017

Spiekeroog ist auch in der Nebensaison ein beliebter Rückzugsort für Naturliebhaber

Eigentlich beginnt die Erholung mit dem Gang auf die Fähre von Neuharlingersiel nach Spiekeroog. Doch vor der Erleichterung des Alltags haben die Götter der Knöllchen den Aufseher der Samtgemeinde Esens gestellt. Wie ein Adler scheint er den Anlegeplatz zu umkreisen, um Parksünder ausfindig zu machen. Hilfe bekommt er dabei von defekten Parkscheinautomaten, die ihm die Beute einträglicher machen.

Als die Kölner Lehrerin kurz vor Beginn des Rosenmontags von der Flucht der Karnevalsmuffel aus dem Rheinland erzählt und davon berichtet, dass auf Spiekeroog überwiegend Beamte Asyl vor Funkenmariechen, Hoppeditz und Nubbel suchen, lässt sich schon erahnen, dass die Insel in der Nebensaison mehrere hundert Semester Pädagogik aufnehmen soll. Das klappt auch vorzüglich und die Gespräche an Bord der Spiekeroog II fallen bereits so aus, dass Pestalozzi Stolz auf die Passagiere wäre.

Wenn dann die Fähre mit dem unträglichen Namen ihres Ziels die Nordseeinsel erreicht, hat sich die Einwohnerzahl des Eilands nahezu schlagartig verdoppelt. 690 Einwohner fasst das Schiff maximal, etwa hundert Menschen leben auf Spiekeroog. Aber die Insel ist auf ihre Beliebtheit eingerichtet. Ein Vielfaches an Betten sind aufgestellt, um die Jünger des Wanderns, der Kunst und der gesunden Seeluft aufzunehmen. Alle Kategorien der Ansprüche werden abgedeckt und der Zuschnitt der Insulaner auf die Öko-Fraktion ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Es werden vornehmlich Bio-Eier auf den Frühstückstisch gestellt, Produkte von Bauern mit ökologisch-dynamischer Tierhaltung werden bevorzugt angeboten. Eine gesunde Einstellung, die zum gesunden Klima des Nordseeheilbades passt.

Nach Supermärkten werden die Gäste vergeblich suchen, wenn sie sich den Kühlschrank füllen wollen. Ein Bio-Markt hat diese Funktion übernommen. Freundliches Personal erfüllt dann auch nahezu alle Wünsche, die zu Nahrung führt. Eine Apothekerin, deren Outfit spontan die Vokabel „selbstgestrickt“ entlockt, komplettiert das Geschäftsleben neben den kleinen Läden, die Papierartikel, Mitbringsel, Schmuck und eine dezente Auswahl an Strickwaren bietet.

Spiekeroog ist einzigartig aber auch in seiner Art selbstgefällig. Deutlich wird dies, wenn in den Restaurants der Hinweis „alles besetzt“ vom Personal unmissverständlich geäußert wird. Es kann schon mal vorkommen, dass dann die Hälfte der Tische im Lokal einfach leer bleibt. Eine rechtzeitige Bestellung sollte einige Tage im Voraus erfolgen.

Damit wären aber schon fast alle Bedingungen geklärt, die ein Gast zu erfüllen hat. Er kann sich dann arglos dem Reizklima hingeben, das sogar norddeutsches Schmuddelwetter zur behaglichen Wohlfühl-Atmosphäre zählt. Schließlich besucht sicher niemand in der Zwischensaison die Insel ohne zweckmäßige Kleidung. Dann lässt sich die Ruhe in vollen Zügen genießen. Der Wind ist außer den gern gesehenen Künstlern auf der Insel der Einzige, der sein Lied singt und den Regen gegen die Scheiben der niedrigen Häuser peitscht, die sich hinter den Dünen verstecken.

Niemand kann die genussvolle Situation nachfühlen, die einem Inselbesucher überkommt, wenn er außer der Möwen ein paar Singvögeln und hin und wieder einige Fasane hört. Kein Auto heult auf oder irgendein in Motorgehäuse gefasstes Aggregat durchbricht die himmlische Stille. Allein das Meer ist durch den Wellenschlag allgegenwärtig und immer nur ein paar hundert Meter weit entfernt. Auch wer zur fußlahmen Gesellschaft zählt, dürfte keine Mühen haben, die gut ausgebauten Wanderwege dafür zu nutzen, den natürlichen Elementen bei ihrem Tagwerk zuzusehen. Wie weit Ebbe und Flut das Inselleben bestimmen, lässt sich bereits aus dem Tidekalender ablesen, der auch die Fahrzeiten der Fähren und die Badezeiten angibt, wenn das offene Meer interessanter erscheint, als das neue und moderne Inselbad mit Dünenspa.

Kurt Sohnemann

 

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