Fotos: Kurt Sohnemann

Verdunklungsgefahr durch Stare

22. Januar 2017

An Dänemarks Küsten lassen sich einzigartige Schauspiele der Zugvögel beobachten

von Kurt Sohnemann

Hendrik Olsen ist schon ganz aufgeregt, ruscht auf seinem Sitz im Bus kontinuierlich von links nach rechts und zurück. Das hat nichts mit der notwendigen Notdurft zu tun, die sich nach übermäßigem Teegenuss in Dänemark einstellt. Das ist das Ergebnis von Vorfreude. Er ist einer der Buspassagiere, die sich für eine Fahrt in Skärbäk angemeldet haben, um das Schauspiel zu erleben, das hier „Schwarze Sonne“ heißt.

Nun ist nicht immer mit Sonne zu rechnen, wie an diesem Nachmittag, der sich in Richtung Abend bewegt. Das schreckt aber niemanden an Bord von dem Vorhaben ab, die Tausende von Stare ins Visier zu nehmen, die sich am Himmel tummeln sollen. Das passiert nicht ständig. Für Zeit und Ort muss man ein Gespür haben. Deshalb ist auch ein dänisch sprechender Reiseführer an Bord, der dem Aussehen nach schon alle Wetterlagen hinter sich hat. Offensichtlich ist er zur See gefahren, denn seine Geschichten erheitern die Fahrgäste derart, dass ihnen das Geschaukel des Busses zur Nebensache wird. Er lässt zwischen Wirklichkeit und Seemannsgarn keine Lücke, so dass mancher in dem brummenden Gefährt längst den Zweck der Expedition vergessen hat.

Nach mehr als hundert Kilometern scheint das Ziel erreicht. Hendrik Olsen hat sämtliche Objektive seiner Digitalkamera bereits ausgepackt. Das Fernglas schmückt seinen Hals und in den Gesprächen lässt er durchblicken, dass er ein Ornitologe ist. Alles andere hätte jetzt auch verwundert.

Die Fahrt führt die Sucher der Stare auch schon mal über die dänisch-deutsche Grenze und verdeutlicht, dass den Vögeln diese Erschaffenheit der Menschen völlig egal ist. Ihre Auswahlkriterien für einen Platz der Nahrungsaufnahme richtet sich nach dem gedeckten Tisch, den sie vorfinden werden. Das sind zumeist die feuchten Gebiete in der Nähe zur Nordsee, an denen Käferlarven dem Hunger der schwarzen Vögel zum Opfer fallen.

Die Schar der 80 mehr oder weniger vorgebildeten Vogelliebhaber lässt sich zeitig in das Gras eines Straßenrandes gleiten. Ein dänischer Ranger beteuert, er müsse gleich etwas passieren. Das stimmt. Jetzt beginnt es pausenlos aus den Wolken zu prasseln. Das nehmen Norddeutsche und Dänen kaum wahr, weil es zum üblichen Bild an der Küste gehört und zumeist ebenso schnell wieder verschwunden ist, wie es gekommen war.

Die Stare sehen es offensichtlich ähnlich. Begleitet von einem Getöse abertausender Vogelstimmen steuern sie das Röhricht der Feuchtwiese vor den Augen der Beobachter an. Als wären sie zu diesem Zeitpunkt bestellt worden. Sie haben nichts anderes im Sinn, als das Schilf nach Nahrung abzusuchen und werden fündig.

Eine Rohrweihe sorgt dafür, dass die mittlerweile eine halbe Millionen Stare nicht zielstrebig landen können. Sie mischt den Schwarm auf, so dass immer wieder neue Konstellationen am Himmel entstehen. Tatsächlich wäre jetzt weder eine Sonne noch sonstiger Lichteinfall ungetrübt zu sehen. Die Stare verdunkeln mit ihren filigranen Flügen und ihrer Fülle den Himmel beeindruckend. Immer wieder versuchen sie, durch ihre schnellen Wendungen in Schwärmen den Raubvögeln zu entkommen. Das klappt auch in den meisten Fällen. Lediglich die Schwächsten werden ihnen zum Opfer. Das sind an diesem Tage keine. Die Stare fressen sich die Bäuche voll und tanken so Kraft für ihren bevorstehenden Flug in den Süden, denn dieses Schauspiel bieten sie nur von Juli bis Oktober.

Hendrik Olsen hat Glück. Seine Kamera ist gespickt mit Aufnahmen. Er wird in Kürze der Held am Stammtisch sein. Die Stare haben auch Glück. Sie lassen sich im Schutze der Dunkelheit in dem langen Gras nieder, um genügend Nahrung und Ruhe vor dem Weiterflug zu finden. Die Raubvögel haben jetzt Pause, und erst am nächsten Tag geht das Schauspiel von Neuem los. Geführte Ausflüge können vor Ort gebucht werden.

Romo_BeobachterFoto: so

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