Foto: Claudia Lehmann

„Valle santa“ – das heilige Tal

3. September 2017

Im Niemandsland zwischen der Toskana und Umbrien gehen die Uhren noch anders

Die kleine Bar gleich schräg gegenüber der Kirche hat keinen Namen. Herumliegende Musikinstrumente erinnern an den Probenraum eines Musikvereins. An den Wänden hängen Erinnerungsfotos aus vermeintlich besseren Zeiten. Wer als Pilger oder Wanderer hier seinen Marschproviant auffüllen möchte, muss Zeit mitbringen. Nicht etwa, weil das Angebot – eine große Salami, geräucherter Schinken und eine Sorte Käse – die Wahl sonderlich schwer machen würde. Mama Fiorella, die hier das Sagen hat, ist anderweitig beschäftigt.

Die 70-Jährige tut das, was sie den ganzen Tag über macht: Sie spielt Karten. Genauer gesagt: „Scopine“ oder „Scientinco“, je nachdem, wer gerade mit an einem der hinteren Tische sitzt. Wie oft die Besetzung der Runde auch wechselt, Fiorella Franchi ist immer dabei. „Frische Cornetti? Kein Problem“, sagt die freundliche ältere Dame schließlich drei Spiele später und greift zum Telefonhörer. Der Bäcker aus dem benachbarten Rimbocchi wird ohnehin in Kürze erwartet und nimmt die zusätzliche Bestellung gerne mit auf. Nur 20 Minuten später hält ein Auto draußen vor der Tür und der Duft einer ganzen Backstube strömt durch die bunten Plastiklamellen an der Eingangstür zur Bar. Was wie herkömmliche Croissants aussieht, entpuppt sich als weitaus mehr als nur einfache Teighörnchen. Wahlweise mit Marmelade oder leckerer Crema gefüllt, sind sie der Inbegriff italienischer Konditoreikunst. Noch Wochen später werden wir – wieder daheim angekommen – vergeblich nach etwas Vergleichbarem suchen. Hier im Nirgendwo zwischen der Toskana und Umbrien gehören Cornetti dagegen zum obligatorischen Frühstück für die Gäste von Graziano de Mattäis.

Auch der einzige Albergo im Ort ist namenlos. „Nummer 18. Das letzte Haus in der Straße“, hatte man uns gesagt. Auf der nach Westen gewandten Seite des frisch renovierten Bruchsteingebäudes ist lediglich der Ortsname und eine Höhenangabe zu lesen: Biforco 670 s/m. Was uns im Inneren erwartet, ist ein kleines Paradies. Fünf liebevoll eingerichtete Zimmer, jedes für sich ganz individuell gestaltet. Die stilvollen Möbel sind mit viel Geschmack zusammengestellt, ohne aufdringlich oder gar protzig zu wirken. Ein altes schwarzes Eisenbett mit Malereien am Kopfende erinnert mehr an das Schlafgemach einer alten Burg und könnte in jedem Museum seinen Platz finden.

Gleich an der Haustür begrüßt uns Graziano, zeigt uns die Zimmer und sagt, dass es um 19:30 Uhr etwas zu Essen gibt. „Besondere Wünsche?“, fragt der 40-Jährige und fügt, ohne wirklich auf eine Antwort zu warten, im gleichen Atemzug hinzu: „Ich koche einfach etwas.“ In der Küche, deren Bodenfließen aus einem historischen Kellergewölbe in Florenz stammen, ist später für vier Personen gedeckt. Darunter zwei Briten aus der Nähe von Bristol, die – wie alle Pilger – lediglich für eine Nacht ein Dach über dem Kopf gesucht hatten. Neben den beiden Karaffen mit Rotwein und Wasser stehen Schinken, Käse und Brot auf dem Tisch. Graziano serviert dazu die besten Spaghetti Carbonara meines Lebens und weist – bevor er seine Gäste sich selbst überlässt – darauf hin, dass auf dem alten Küchenschrank zwei Platten mit gedünstetem Gemüse und Salat stehen. Und im Kühlschrank wartet zudem noch eine Schüssel mit frischem Obstsalat.

Der Tipp stammte von Romano Conte, der der Bruderschaft „St. Jakob von Compostela“ angehört und anklopfenden Pilgern in Rimbocchi über Jahre hinweg selbst eine Unterkunft bot. Der gerade einmal einen Kilometer entfernte Nachbarort liegt direkt am „Cammino di Assisi“, jener Route, die der Heilige Franziskus einst von Florenz aus über Assisi nach Rom genommen haben soll. Von Pilger-Tourismus, wie ihn Harpe Kerkeling auf seinem Weg nach Compostela beschrieb („Ich bin dann mal weg“), ist hier in Biforco allerdings nichts zu spüren.

In dem knapp 100 Einwohner zählenden Dorf scheinen die Uhren noch anders zu gehen, ohne jedoch stehen geblieben zu sein. Erfolgreich habe man dafür gekämpft, erzählt Silvia Franchi mit sichtlichem Stolz, dass die Poststelle gleich neben der Bar bis heute zweimal wöchentlich öffnet. Die Grundschullehrerin ist nicht nur die Tochter von Mama Fiorella, sondern auch die Lebenspartnerin von Graziano. Die Beiden hatten sich einst auf der Universität in Urbino kennengelernt. Während Silvia später in ihren Heimatort zurückkehrte, zog es den aus dem Süden stammenden Graziano jedoch zunächst einmal in die Ferne.

Dem Ruf eines Freundes folgend, nahm der gelernte Koch für fünf Jahre in Kopenhagen gleich zwei Jobs an. „Allein um Geld zu verdienen. Nicht, weil es dort schöner wäre“, wie Graziano immer wieder betont, als müsse er sich dafür entschuldigen. Heute kocht er in einer Mensa für Schüler und nimmt dafür täglich rund vier Stunden Fahrtzeit auf sich. Sein Traum: Eines Tages ausschließlich für seine Gäste da zu sein. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg, wie er selbst weiß.

25 Euro pro Person für ein Nachtquartier und ganze acht Euro für die liebevolle Bewirtung mit ausschließlich regionalen Produkten – da kann nicht viel übrig bleiben. Andererseits will der 40-Jährige aber auch seinem eigenen Anspruch („Das Essen ist mehr als Begrüßung für Freunde gedacht“) gerecht werden. Eine unpersönliche Massenabfertigung oder das Durchschleusen namenloser Hotelportal-Gäste kommt für Graziano und Silvia nicht in Frage.

Zumal der eine oder andere im Dorf schon fürchtet, sein kleines Paradies eines Tages mit anderen teilen zu müssen. Dabei sind die Meisten von ihnen selbst Zugereiste, die mehr oder weniger zufällig hier gestrandet und einfach geblieben sind. So wie Hans, der den Schulbus fährt und bei Feierlichkeiten die Tuba bläst. Oder Andrea, die zusammen mit ihrer Familie davon lebt, auf Weihnachtsmärkten in Deutschland handgefertigte Bienenwachskerzen zu verkaufen. Wie lange im Jahr sie davon leben könne? „Na eben bis zum nächsten Weihnachtsfest“, reagiert die gebürtige Britin mit bayrischem Akzent fast ein wenig verwundert, als verstünde sie die Frage nicht. „Wir brauchen hier nicht viel. Wir haben seit ein paar Jahren überhaupt erst Strom.“

Ob auch Franziskus, der im Jahre 1224 im unweit entfernten Kloster La Verna die Wundmale Christi empfangen haben soll, eines Tages auf seinen Wanderungen auch hier in Biforca vorbei kam, ist derweil nicht überliefert. Wohl aber, dass das hiesige „heilige Tal“ („Valle santa“) bereits lange zuvor diesen Namen getragen hat. „Franziskus hat wegen des heiligen Tals doch überhaupt erst den Weg hierher gesucht“, beteuert jedenfalls Silvia, und die muss es als Grundschullehrerin schließlich wissen.

Rolf Lehmann

 

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