Foto: (stl/rie)

Schwarzbrenner „Bartels Jan“ erwischt

20. November 2016

Oterser Dorfgeschichte beim Nachtwächter-Rundgang erlebbar gemacht

Im Dunkel der Nacht, nur erhellt vom Mondschein in winterlicher Kälte, ertappte Nachtwächter Michael Eggers bei einem seiner Rundgänge durch das Dorf Otersen jetzt eine finstere Gestalt. Es handelte sich um „Bartels-Jan“, den der Nachtwächter im Auftrag der Dorfschaft der Schwarzbrennerei überführte und dem „Königlichen Amt“ zu melden hatte.

So oder ähnlich könnte es sich anno 1777 in Otersen zugetragen haben, was Jens Leska (Nachtwächter) und Speeldeel-Schauspieler Jan Thalmann („Bartels Jan“) kürzlich beim 2. Nachtwächter-Rundgang des Heimat- und Fährvereins Otersen zur Überraschung und Freude der 25 Teilnehmer auf dem Hof von Willy und Ehler Rohde inszenierten.

Gemäß „Contract“ vom 5. Dezember 1777 zwischen der Dorfschaft Otersen und ihrem Nachtwächter Michael Eggers, hatte dieser „verdächtig gesindbare Personen“, die er nach 10 Uhr abends antrifft und „die nicht von Herrschaften ausgeschicket wurden“, sofort ans Königliche und Kurfürstliche Amt zu melden, dass „sie gehörig bestraft werden“.

Beim Nachtwächter-Rundgang anno 2016 verstieß Nachtwächter Michael Eggers alias Jens Leska gegen diese Vorschrift aus dem „Contract“, weil er sich vom ertappten Schwarzbrenner „Bartels Jan“ mit dem Rezept für einen köstlichen Kornbrand entlohnen ließ. „Holunder, Roggen und Zwiebeln“ gehörten zur Rezeptur von Jan Bartels und daraus wurde fortan der „Oterser Nachtwächter-Korn“ – der „Turm-Brand“. Das alte Rezept fand Jens Leska als neuer Eigentümer des als Oterser Gemeindehaus „Turm“ erbauten Fachwerkhauses auf dem Dachboden, berichtete er beim Rundgang augenzwinkernd. Der Wahrheit entspricht aber, dass zum Abschluss der einstündigen Tour alle erwachsenen Teilnehmer den Oterser Nachtwächter-Schluck probieren durften. Jens Leska zeigte auch alte Silbermünzen aus der Zeit von vor über 200 Jahren und informierte über die Ausrüstung und Bewaffnung der Nachtwächter mit ihrer Hellebarde sowie über den niedrigen Stand von Nachtwächtern und Hirten, die früher im Gemeindehaus wohnten und geringfügig – auch mit Naturalien wie Roggen und Torf sowie dem Nutzungsrecht für „eine Kuh Weide“ – entlohnt wurden.

Hauptaufgabe des Nachtwächters war damals aber nicht die Festsetzung „verdächtig gesindbarer Personen“, sondern der Brandschutz und das rechtzeitige Melden von Feuer. Deshalb musste der Oterser Nachtwächter stündlich einen Rundgang durch das Dorf durchführen und bei jedem Rundgang auf sieben Plätzen zwischen den 26 Höfen auf dem Bullenhorn blasen.

Vor knapp 300 Jahren hatte Otersen 26 Höfe, die alle westlich der heutigen Dorfstraße entlang der sieben Seen lagen. Durch die damals dichte Bebauung und die Reetdächer auf den alten Fachwerkhäusern war die Feuergefahr hoch. Zwei Feuersbrünste vernichteten fast alle Höfe, berichtete Günter Lühning als Vorsitzender des Heimat- und Fährvereins. Am 22. Oktober 1706 fielen 19 Gebäude der ersten Feuersbrunst zum Opfer und am 17. April 1725 wurden 17 Höfe, die Schule und das Kuhhirtenhaus ein Raub der Flammen. 1774 brannte das große „Stegens-Haus“ zwischen dem heutigen Niedersachsenhof und dem Dorfhaus „Alte Schule“ nieder. Danach war die Zeit reif für die Einstellung eines Nachtwächters durch die Dorfschaft.

(stl/rie)

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