Foto: Verein “Trauerland”

Raum und Zeit für individuelle Trauer

1. November 2020

Verein „Trauerland“: Mit viel Einfühlungsvermögen und Sensibilität trauernde Kinder stärken

Einen nahestehenden Menschen zu verlieren gehört zu den härtesten Prüfungen, die das Dasein den Menschen auferlegt. Die Zeit bleibt stehen, der Schmerz lähmt alles Denken und Tun und das Unfassbare verschleiert den Blick auf die Zukunft. Kinder und Jugendliche, die gerade erst dabei sind, sich selbst zu finden und ihren Lebensweg zu planen, verlieren durch ein solches Ereignis den Boden unter den Füßen. Oft herrscht eine große Sprachlosigkeit bei dem Thema, die einer Auseinandersetzung mit ihm und damit einer Verarbeitung des Verlusts im Wege steht. Doch nicht bearbeitete Trauer und unterdrückte Gefühle können sich in Form psychosomatischer Reaktionen oder in sozialem Rückzug manifestieren. Der gemeinnützige, spendengestützte Verein „Trauerland – Zentrum für trauernde Kinder und Jugendliche“ mit Hauptsitz in Bremen ist seit 1999 Ansprechpartner für Kinder und Jugendliche und ihre Familien in einer solchen Ausnahmesituation.
Mit viel Empathie helfen speziell geschulte haupt- und ehrenamtliche Begleiter im geschützten Raum den jungen Trauernden dabei, ihren persönlichen Trauerweg zu finden, um das Geschehene als Baustein des Lebens zu akzeptieren und den Blick nach vorn zu richten. Mittlerweile konnte „Trauerland“ dank einer Anschubfinanzierung durch die Aktion Mensch und prominenter Botschafter wie Thomas Schaaf und Bärbel Schäfer expandieren. Nach einer Außenstelle in Oldenburg (2006) wurde 2018 die Niederlassung in Verden eröffnet. Sozialpädagogin Beate Alefeld-Gerges (seit 2017 Trägerin des Bundesverdienstkreuzes) ist Gründerin und die Kraft, die hinter der Einrichtung mit ihrem breit gefächerten, kostenlosen Angebot steht. Weit über 100 haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter kümmern sich an den drei Standorten um eine Klientel, die dieses Angebot dankbar annimmt.
Eine Studie bescheinigt dem Verein große Erfolge: Zwischen 2016 und 2018 wurde bei 32 betreuten Familien mit 45 Kindern eine erhebliche Verbesserung der Verhaltensweisen und Reaktionen verzeichnet. Die Betreuten waren besser in der Lage, die Trauer zuzulassen und über den Verlust zu sprechen. Auch die erwachsenen Angehörigen profitierten der Studie zufolge von der regelmäßigen Gruppenbegleitung. „Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Begleitung in den Kindertrauergruppen und den parallel stattfindenden Angehörigenrunden zur Stärkung der Familie insgesamt und insbesondere zur Stärkung der Kinder beiträgt“, lautet das positive Fazit, das nicht wirklich überrascht.
Zum Angebot des Vereins gehören Trauergruppen für Kinder und Jugendliche, Einzelberatungen und Kriseninterventionen, heilpädagogische Einzelmaßnahmen, ein Treff für junge Erwachsene sowie ein werktägliches Beratungstelefon. Darüber hinaus gibt der Verein seine Erfahrung aus zwei Jahrzehnten Trauerbegleitung in Form von Bildungsangeboten weiter.
„Den Kindern und Jugendlichen überlassen wir den Raum und die Zeit, die sie für ihre Trauer brauchen. Unsere Haltung ihnen gegenüber ist achtsam und wertschätzend“, erklärt Beate Alefeld-Gerges die Herangehensweise des Trauerland-Teams. Parallel gibt es Gruppenangebote für Angehörige. „Wir sind wegen der großen Nachfrage auf der Suche nach ehrenamtlichen Helfern – auch in Verden“, erklärt Pressesprecherin Silke Boos. Interessierte werden geschult und behutsam an die Arbeit herangeführt. Gerade in Corona-Zeiten ist die Unterstützung trauernder Kinder und Jugendlicher wichtig: Das Trauerland-Team verzeichnete in den vergangenen Monaten einen Anstieg von Anrufen junger Menschen. Corona verstärkt das Gefühl der Ohnmacht und der Vereinsamung und trübt die Zukunftsaussichten. Beate Alefeld-Gerges wünscht sich, dass die Perspektiven von jungen Menschen in den Fokus der Politik rücken: „Es gibt in Hinblick auf ihre berufliche Zukunft momentan eine große Unsicherheit. Das wird zu wenig gesehen!“
Ulla Kanning

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