Foto: Kurt Sohnemann

Purer Genuss zwischen Technik und Natur

8. September 2019

Purer Genuss zwischen Technik und Natur Thomas Riese
Verarbeitung
Gepäckraum
Verbrauch
Leistung
Ausstattung
Sitze

Bewertung:

3.5


Porsche 911 Carrera S Cabriolet lässt keine Innovationen für den sportlichen Touch des Modells aus

Noch immer klingt der Begriff „Neunelfer“ wie Musik in den Ohren der Automobilisten, auch wenn durch die Zahlenkonstruktion „Nine-Eleven“ zwischenzeitlich Missstimmung in die Kombination kam. Spätestens, wenn die sechs Zylinder aus dem Heck des Zuffenhausener Parademodells erklingen, dürften sich Blutdruck und Herzschlag beim Fahrer nach oben bewegen. Beim Porsche 911 Carrera ist es in erster Linie die Phonstärke und zudem die Drehzahl der Kurbelwellen des Boxers im Heck.
Da die Boxerbauart einen ungewöhnlich tiefliegenden Schwerpunkt garantiert, eignet sich der 911er selbstverständlich für sportliche Herausforderungen optimal. Die Leidenschaft wird nach dem Anblick des überarbeiteten Modells verstärkt. Natürlich bleibt der Klassiker in seiner üblichen Form. Nur lassen sich immer wieder Details verbessern. Ob es sich dabei um den aerodynamisch optimierten Unterboden oder die Beschwörung der Götter des Windwiderstandes hinsichtlich der Karosserie handelt, ist den Puristen nur Recht. Die Summe der leichten Veränderungen macht den aktuellen Porsche 911 Carrera S als Cabriolet aus.
Um auf der Höhe der Zeit zu sein, lässt Porsche keine Innovationen aus, die dem sportlichen Touch des Fahrzeugs zuträglich sind. Dass auch einmal die Sitzheizung oder -lüftung dabei im Zubehörregal auftauchen, lässt wohl eher die betuliche Fangemeinde frohlocken, die das Cabrio gern für die sonntägliche Spazierfahrt aus einer der Garagen holt. Da ein Gepard auch nicht mit kontinuierlich Höchstgeschwindigkeit durch die Steppe jagt, nur weil er das schnellste Tier am Boden ist, musst ein 911er auch nicht konsequent am Limit seiner Höchstmarke von 306 km/h chauffiert werden. Dann würde im offenen Zustand übrigens auch die Frisur leiden, falls vorhanden. Es hilft auch nicht das Windschott, wenn die Physik ihre Opfer fordert.
Wer sich in zentraler Position hinter dem Lenkrad platziert, darf den Schlüssel mittlerweile in der Tasche behalten. Der Zuffenhausener Bestseller hat längst erkannt, dass nur noch der integrierte Schalter links vom Lenkrad gedreht werden muss, um das Blubbern aus dem Heck zu wecken. Per Tastendruck werden auch mittels Klappensteuerung die Tonarten in der Abgasanlage geändert, sodass die Ausfahrt ihren eigenen Charakter bekommt. Ob nun Bariton oder Bass, die Leistung ist letztlich die überzeugende Parabel für Adrenalin-Ausstoß. Die 450 Pferdestärken dosiert das mit Bi-Turbo zwangsbeatmete System auf die Hinterräder. Mit der Launch-Control lässt sich die bärige Kraft übrigens kinderleicht dosieren. Das Kontrollsystem ist aber auch ausschaltbar, wenn man der Reifenindustrie ein paar Euro zuschustern möchte.
Ohne eine gut gemeinte Dosis von Drehzahlen lässt sich ein Boxermotor bekanntlich nicht in Hochstimmung bringen. Deshalb ist der rechte Fuß des Fahrers immer gut ausgelastet, wenn die Dynamik des Fahrzeugs abgerufen wird. Dann schnellt der auf Wunsch offene Carrera innerhalb von 3,9 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 Stundenkilometer. Mit dem Sport-Chrono-Paket noch zwei Zehntel schneller, wenn es sein muss.
Lobenswert ist die Anordnung der Bedienungsinstrumente im Cockpit. Der Fahrer kann sämtliche Funktionen leicht erreichen, muss sich nicht durch unschlüssige Gedankenwindungen der Konstrukteure kämpfen und kann blitzschnell reagieren. Ob Tempomat mit Radar-Abstandsunterstützung oder elektrische Funktion des Stoff-Cabriodaches, alle Hebel und Schalter haben ihren durchdachten Platz. Der allerdings ist weniger bequem für Mitfahrer, wenn es mehr als einer ist. Die hinteren Plätze sind ausschließlich als Notsitze anzusehen und ausschließlich für kurze Distanzen zumutbar. Auch stößt ein 911er naturgemäß bei seiner Transportfähigkeit an seine Grenzen. Unter der Fronthaube finden zwei Bierkästen übereinander Platz. Überdies nur noch ein paar essbare Utensilien, die für das Grillwochenende reichen müssen. Aber wer einen 911er in der Sammlung aufgenommen hat, wird ganz bestimmt noch über eine fahrbare Alternative verfügen, die mehr Raumlösungen bietet.
Da Porsche bei der Überarbeitung seines Carreras nicht ohne Berücksichtigung der Umwelt vorgegangen ist, reicht es den Zuffenhausenern nicht, dass die Insassen die Natur bei offenem Dach genießen können. Auch der Verbrauch ist gegenüber den Vorgängermodellen merklich gefallen. Tatsächlich ist es möglich, den Durst unterhalb der Zehn-Liter-Grenze zu halten, kostet aber Entbehrungskraft. Im Testbetrieb, der bekanntlich alle Leidenschaften einmal bedient, ließ das Modell 12,1 Liter Superbenzin zu.
Kurt Sohnemann

Technische Daten: Porsche 911 Carrera S Cabriolet
Hubraum: 2.981 ccm – Zylinder: 6 Boxer Bi-Turbo – Leistung kW/PS: 331/450
8-Gang-Doppelkupplungsautomatik – Max. Drehmoment: 530 Nm/2.300 U/min.
Höchstgeschwindigkeit: 306 km/h – Beschl. 0-100 km/h: 3,9 Sek.
Leergewicht: 1.660 kg – Zul. Gesamtgewicht: 2.040 kg
Gepäckraumvolumen: 132 Liter – zul. Zuladung: 455 kg
Tankinhalt: 64 Liter – Kraftstoffart: Super Plus – Verbrauch (Test): 12,1 l/100 km
Effizienzklasse: F – CO2-Ausstoß (WA): 208 g/km – Euro 6d Temp
Grundpreis: 134.405 Euro

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