Foto: Dennis Mellerowitz

Öl, Schweiß und Energy-Drinks

3. Februar 2019

Verdener Eisenbahnfreunde restaurieren und pflegen in der Saisonpause alte Loks und Waggons

Es riecht nach Öl und Schweiß, und manchmal mischt sich noch ein süßlicher Duft aus den zahlreichen leeren Energydrink-Dosen hinzu. Dazu schallt Punkrock durch die Werkstatthalle der Verden-Walsroder Eisenbahn (VWE). Früher kam die Musik aus einem Kofferradio, heute spielt das Smartphone mit angestöpseltem Soundwürfel die Titel. Hier gehen sie ganz mit der Zeit, die vermeintlich so bieder-nostalgischen Verdener Eisenbahnfreunde, und nutzen die „Winterpause“ zum Arbeiten an ihren alten Loks und Waggons, die fortwährend Pflege benötigen, um im Sommer wieder die Ausflügler durch den Kleinbahnbezirk zu befördern.
Meist sind es Daniel Bergmann (21), Lokführer bei der VWE, und Torben Kuhn (26), Baumaschinenführer bei einer Baufirma in Hoya, die hier samstags oder in der Woche nach Feierabend werkeln. Aktuelles Projekt der beiden ist die Diesellok 4, die von der Maschinenbau-Gesellschaft Kiel (MaK) gebaut wurde. Mit Baujahr 1964 ist die Lok eher ein Youngtimer in der Sammlung der Museumsbahner, andere Fahrzeuge stammen teilweise. aus der Kaiserzeit. Aber immerhin stand die Maschine ihr gesamtes Einsatzleben, also über 30 Jahre, in Diensten der VWE. In ihren Anfangsjahren vor 1970 hat sie manchmal sogar noch die Schüler von und nach Stemmen befördert, wenn der altersschwache Triebwagen wegen eines Schadens ausgefallen war. Die Lok und zwei weitere ehemalige VWE-Dieselloks aus dem Fundus der VEF (Verdener Eisenbahnfreunde) sind vor einigen Jahren sogar mal unter Denkmalschutz gestellt worden: Sie veranschaulichen die technische Entwicklung des Diesellokbaus am Beispiel einer niedersächsischen Kleinbahn.
Das änderte nichts daran, dass die Loks jahrelang buchstäblich in einen Dornröschenschlaf verfielen und in Gestrüpp eingewachsen beinahe in Vergessenheit gerieten. Bis sich der damalige Lokführer-Azubi Bergmann an die alte Lok 4 erinnerte und sie an Himmelfahrt 2017 aus dem hintersten Abstellgleis der Strecke in Stemmen zog. „Eigentlich ging es nur erst einmal darum, zu prüfen, welche Schäden die Lok hat und welche konservierenden Arbeiten man durchführen kann“, erinnert sich Dennis Mellerowitz, der Vorsitzende des Vereins, „Aber auf einmal stand sie bei der VWE in der Werkstatt, Motorhaube und Kühler waren runter, und der Motor war in seine Einzelteile zerlegt.“ Je weiter die Restaurierungsarbeiten dann fortschritten, desto mehr kam das Ziel in den Blick, das gute alte Stück wieder fahren zu lassen. Immer wieder wechselten sich Freude über die Arbeitsfortschritte und Ernüchterung über gefundene Mängel ab. „Das ist schon eine Achterbahnfahrt der Gefühle, aber zum Glück hat Daniel bislang immer eine praktikable Lösung für Probleme gefunden, auch wenn die Wege dabei bis nach Rheine oder Hagenow führten. Dabei hilft auch die Vernetzung in der Szene mit MaK-Lokfreunden, von denen es zum Glück einige in Norddeutschland gibt.“
Aktuell ist die Lok für die anstehende Neulackierung im auffälligen laubgrün fast blank geschliffen. Demnächst werden die Räder ausgebaut, um einer Materialprüfung unterzogen zu werden. „Wenn alles gut läuft, kann die Lok womöglich noch dieses Jahr wieder in Betrieb gehen“, so Bergmann optimistisch.
„Dankenswerterweise unterstützt die VWE Daniel Bergmann und uns mit viel Geduld bei dem Projekt durch das Gastrecht in der Werkstatt“, so Dennis Mellerowitz. Doch nicht alles ist eitel Sonnenschein in dem kleinen, rund 50 Mitglieder zählenden Verein: „Die betrieblichen, technischen und personellen Anforderungen steigen, und damit auch die laufenden Kosten. Daher müssen wir in diesem Jahr leider unsere Fahrpreise erhöhen“, so der Vorsitzende. „Aber auch das wird nicht reichen, um Rücklagen zu bilden: Gerade bei der Restaurierung zweier Personenwagen sind wir dringend auf Spenden oder Zuschüsse angewiesen, um Material einkaufen und Teilleistungen an Fachbetriebe vergeben zu können. Sonst können wir hier nicht loslegen. Die aktuell eingesetzten Waggons sind nur Leihgaben und müssen spätestens im Herbst wieder zurückgegeben werden.“ Auch fehle es noch in vielen Bereichen an weiteren Helfern: Schaffner, Rangierer, Tischler, Schweißer, Elektriker, aber auch einfach Leute, die im Gleisunterhalt mithelfen oder sich um die Bewirtschaftung der Fahrgäste im Zug oder am Endbahnhof in Stemmen kümmern.
Für das zweite Augustwochenende, so Mellerowitz, ergibt sich eine vergleichsweise günstige Gelegenheit, anlässlich des 30-jährigen Vereinsbestehens einen Dampfzug aus Braunschweig anzumieten. Aber auch hier bedarf es noch einer Bürgschaft über rund 5.000 Euro, damit die Eisenbahnfreunde den Zuschlag erteilen können. Doch ungeachtet all dessen werden die VEF natürlich nicht untätig bleiben: Die neuen Fahrtermine für 2019 stehen schon auf der Homepage und Vereinskollege Kuhn hat schon ein Auge auf die nächste Dornröschenlok, die 80 Jahre alte Nr. 2 aus dem Hause Deutz, geworfen: „Eigentlich geht es ja erst einmal nur darum, zu prüfen, welche Schäden die Lok hat und welche konservierenden Arbeiten man durchführen kann.“
Informationen über die VEF gibt es unter www.kleinbahnexpress.de. Wer die Aktivitäten der VEF unterstützen will, kann sie kontaktieren über E-Mail an info@kleinbahnexpress.de oder sich persönlich an ihrem Infostand am 10. Februar von 13 bis 17:30 Uhr auf der Ehrenamtsbörde in der Oberschule, Meldauer Berg 30, in Verden informieren.

(dme/chi)

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