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Mustergültiges deutsch-dänisches Zusammenleben

13. Januar 2019

Wenn Christa Hansen auf die Kanzel der Domgemeinde steigt, reicht der Platz auf den Bänken im höchsten Gebäude der kleinen Stadt hinter der deutsch-dänischen Grenze kaum aus. Die evangelische Gemeinde innerhalb der einst zwischen den Nationen hin- und hergerissenen Provinzhauptstadt zeigt sich geschlossen. Die deutsche Dompröpstin erfüllt nicht nur den gesetzlich vorgegebenen Rahmen, dass in Haderslev seit 1920 in deutscher Sprache einmal monatlich gepredigt wird, oder dass dort deutsch in den Schulen gelehrt werden muss. Sie ist auch eine wesentliche Schlüsselfigur für das gute Miteinander der in der Geschichte oft verfeindeten Völker. Heute gibt es kaum noch Grenzen in den Köpfen, die nationales Denken nach sich ziehen. Haderslev litt historisch häufig unter Fremdherrschaft und hat sich als dänische Kleinstadt mittlerweile auch als Touristenmagnet gemausert.
„Wir arbeiten hier kontinuierlich an der Verbesserung unseres Angebots. Dabei helfen uns der großartige bauliche Bestand und die tolle Landschaft“, so ein Vertreter der Stadt, der den Gästen der Region Südjütland nicht zu viel verspricht, wenn er von Abwechselung und schönen Aussichten erzählt. Einige davon erleben die Besucher auf dem batteriebetriebenen Boot „Dorothea“, das in der Saison mehrmals über den großen See Haderslev Dam gleitet. Dabei können sich die Gäste die Skyline der Stadt genussvoll ansehen. Aus der bescheiden wirkenden Ansammlung der niedrigen Häuser ragt lediglich der Dom heraus, in dem unter Christian III. schon im Jahre 1526 die Reformation ihren Lauf nahm, bevor sie die übrigen Teile Dänemarks zehn Jahre später erreichte. Ebenso interessant ist aber auch der Park mit den Wildtieren, in dem sich insbesondere die Kinder wohlfühlen, wenn sie mit den Rehen und Hirschen in der Nähe die Natur genießen können. Das Dammboot bringt die Gäste zu mehreren Haltestellen, sodass nicht nur die Fahrt auf dem Wasser auf dem verglasten Fahrzeug ein Erlebnis bleibt.
Haderslev ist in der Mischung der bunten Häuser an den engen Pflasterstraßen und dem großzügigen Marktplatz inmitten des Ortes. Der Marktplatz der 22.000-Einwohner-Stadt wird von zahlreichen kleinen Geschäften gesäumt. Unter ihnen ist auch eine ehemalige Bäckerei, die im Zentrum mittlerweile ihrer Backtradition entwichen und zu einer zünftigen und typisch dänischen Gaststätte avanciert ist. Hier findet sich auf der Speisekarte des „RAS“ die fischlastige heimische Küche ebenso wie einige internationale Gerichte.
Auf jeden Fall sollte sich der Bierliebhaber nicht das „Fugelsang“-Gebräu entgehen lassen, das die Zapfhähne großer Teile Dänemarks beherrscht. Die Brauerei hat innerhalb der Szene einen großen Namen wegen der angegliederten Mälzerei. So werden jährlich 160.000 Tonnen Malz an viele andere europäische Brauereien exportiert. Wer allerdings aus der Nähe zur Bierquelle auch niedrige Preise assoziiert, irrt. In Dänemark ist der Lebensstandard etwas höher als in Deutschland, was sich auch in den leicht höheren Preisen ausdrückt.
Dafür haben die Dänen ein merklich ausgeprägtes Verhältnis zum Design. Das lässt sich nicht nur an den Stararchitekten des nördlichen Nachbarn Deutschlands ablesen, das spiegelt sich auch in zahlreichen Gegenständen wider, die gewöhnlich, weil für den täglichen Gebrauch, oft in ihrer Gestaltung vernachlässigt werden. Exemplarisch für Design und ausgeprägten Qualitätsanspruch sind dänische Möbelstücke. In der Möbelbranche nimmt Tonder geradezu eine Stellung als Mekka der Szene ein. Entsprechend groß ist die Anzahl der Möbelhersteller in der Region und der Verkaufshäuser. Die herausragende Rolle nimmt dabei das Möbelhaus Carl Hansen ein, das mit Hans Jörgensen Wegner einen der führenden Designer auf dem Gebiet des Möbelbaus in den eigenen Reihen hatte. Heute arbeiten die Inhaber mit deutschen und österreichischen Tischlereien zusammen, um die qualitativ besten Ergebnisse zu erzeugen.
Legendär war für das Traditionshaus die Lieferung des Sessels für J.F. Kennedy. Der ehemalige US-Präsident litt bekanntlich unter Rückenbeschwerden, wo-rauf das Haus Carl Hansen ihm einen Stuhl fertigte, in dem er sich einzig wohl fühlte. Der so genannte Kennedy-Stuhl hat einen erheblichen Anteil an der Stellung des Hauses, das sich seit Gründung in 1946 auf das zunehmende Qualitätsbewusstsein der Kundschaft konzentriert. Im ehemaligen Wasserturm der Stadt wurde aufgrund der herausragenden Stellung des Möbeldesigns ein Museum eingerichtet.
Tonder ist aber nicht nur durch die Möbelindustrie zum Ziel vieler Gäste der Stadt geworden. Auch in der Musikszene spielt Tonder eine herausragende Rolle, zumindest unter den Folkfans. Jährlich pilgern Tausende zum Festival nach Tonder. „Dann gleicht der Stadtpark einem großen Volksfest. Viele Bühnen und Bands sorgen für eine Stimmung, die so friedlich und ansteckend ist, dass dieses Festival immer beliebter wird“, schildert Andrea Bayer, die auf die markanten Ereignisse in der ehemaligen Hafenstadt von Bedeutung hinweist.
Wie Tonder und Haderslev haben aber auch andere kleine Gemeinden und Landstriche eine Fülle von Schönheiten zu bieten, die für Dänemark prägnant sind. Ob es der Bauernmarkt in Hojer ist oder der endlos scheinende Sandstrand von Römö, Südjütland bietet ein eigenes Flair, in dem sich die dänische Gelassenheit und Gastfreundschaft mit der rauen Landschaft mischen.
Kurt Sohnemann

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