Fotos: Solveig Grewe

Mönchsfisch und Elefantenherde

31. Januar 2016

Fahrt mit dem Rovos Rail durch fünf Länder Afrikas

Auf dem offenen Aussichtswagen des „Rovos Rail“ ist gerade kaum noch ein Platz zu ergattern. Die Diesellok kämpft am Berg schwer mit den neunzehn dunkelgrünen Waggons, doch davon bekommen wir am Ende des Zuges nicht viel mit. Wir scannen die staubige Savanne nach Beute. Mal ist es eine winkende Kinderschar vor den imposanten Objektiven der Spiegelreflexkameras, mal springt eine Gruppe von Gazellen buchstäblich ins Bild. Nicht jedem der allgegenwärtigen Smartphones gelingt der Schnappschuss.

Doch wie die meisten der Mitreisenden, fast alle jenseits der sechzig und augenscheinlich gut situiert, bin ich vor gut einer Woche mit einer ordentlichen Fotoausrüstung in der tansanischen Hauptstadt Dar Es Salaam in den „Pride of Africa“ eingestiegen. Voller froher Erwartung, fünf afrikanische Länder bereisen zu können, ohne dieses lästige Koffer ein – und auspacken, mit allen Annehmlichkeiten eines Fünf-Sternehotels, allerdings ohne Fernsehen, Radio und Internetzugang. Auch eine Form der Entschleunigung des Lebens.

Knapp die Hälfte der 6.100 Kilometer langen Strecke von Tansania über Sambia, Simbabwe und Botswana bis ins südafrikanische Kapstadt liegt hinter uns. Längst haben wir uns an das unablässige Ratamratam der betagten Bahnschwellen gewöhnt. Genauso wie an den melodiösen Klang des Gongs, der tagein tagaus zum Lunch und Dinner ruft. Die Auswahl an Speisen und Weinen steht dem Ambiente des Zuginneren in nichts nach. In dem teakholzstrotzenden Salon steht heute Antilopensteak mit grünen Bohnen oder Mönchsfisch madagassischer Art als Kern des opulent delikaten Menüs zur Wahl. Die Weinkarte erscheint wie ein Buch mit sieben Siegeln und ein Streifzug durch die Top-Lagen Südafrikas. Wer mit dem Rovos Rail reist, will und soll auf nichts verzichten. Das ist Programm seit 1993, als Eigentümer Rohan Vos diesen einzigartigen Zug erstmals zwischen Kapstadt und dem indischen Ozean pendeln ließ.

Während der Mönchsfisch auf feinem weißen Porzellan zwischen dem Silberbesteck und den Weingläsern angerichtet wird, gleitet draußen die exotische Welt des schwarzen Kontinents in Schrittgeschwindigkeit wie auf einem Fernsehbildschirm vorbei. Sobald der grüne Zug am Horizont erscheint, lassen die Bewohner alles stehen und liegen und eilen ihm entgegen. Mütter mit Babies auf dem Rücken, eingewickelt in bunte Baumwolltücher, Schulkinder in adretten zweifarbigen Uniformen, Feldarbeiter mit Hacken, alle winken. Fröhlichkeit spiegeln die offenen Gesichter. Dann schaut ein hochgewachsener Massai in unsere Richtung, ohne eine Miene zu verziehen. „Das macht einem schon ein schlechtes Gewissen“, murmelt Max, mein Tischnachbar aus Österreich, um sich dann gleich damit zu beruhigen, dass er ja auch Devisen ins Land bringe. Tatsache ist, dass er sich diese Reise soviel kosten lässt, wie die Bewohner des Dorfes in einem ganzen Leben nicht verdienen können.

Höhepunkt des nächsten Tages wird die früh morgendliche Minisafari im Chobe-Nationalpark in Botswana. Unter dem Affenbrotbaum warten heiße und kalte Getränke, Obst und süßes Backwerk auf die leicht fröstelnde Truppe, die heiß auf die Big Five ist, wie Großwildjäger früher die gefährlichsten und am schwierigsten zu jagenden Tiere in Afrika bezeichneten. „Show us the Rhino“, fordert Kurt, einer der wenigen Alleinreisenden, der seinen Wiener Singsangton auch im Englischen nur schwer verleugnen kann. Er ist wie einige andere heute mit gleich drei hochwertigen Objektiven ganz besonders schwer bewaffnet für den Fall, dass uns Eliot mit seinem Land Cruiser doch noch ganz dicht an Elefanten, Nashörner, Büffel, Löwen oder Leoparden heran bringt. Wie bestellt, donnert kurze Zeit später eine Herde von Elefantenmüttern mit ihren Kälbern so dicht an dem Geländewagen vorbei, dass den Zuschauern der Atem stockt. Elliot bleibt cool und deutet gelassen auf die Giraffen zur Rechten, die genüsslich mampfend an den Blättern der Baumwipfel zupfen.

Natürlich muss sich auch der Rovos Rail an den offiziellen Fahrplan der Staatsbahn halten, in deren normalen Schienenverkehr er regelmäßig eingeschleusst wird. Kein leichtes Spiel angesichts der langsamen Geschwindigkeiten der Züge und den maroden Streckenabschnitten, bei denen kein Schienenstrang parallel verläuft. Ab und zu bleibt auch mal eine Lok liegen. Logistische Extraarbeit für unsere Train Managerin Mart, die von jedem Bahnhof aus telefoniert und die folgende Strecke abspricht. Feinabstimmung jetzt auch für die Victoria Falls Bridge, die zwischen Simbabwe und Sambia den Fluss Sambesi direkt unterhalb der Victoriafälle überspannt. Schon in wenigen Minuten wird der Rovos Rail im feinen Nieselregen mitten auf der filigranen Metallkonstruktion halten, während das Wasser des Sambesi unter niemals endendem Getöse hinter ihm herabfällt und in mächtigen Dampfsäulen, umspielt von der Farbenvielfalt unzähliger Regenbogen, wieder emporsteigt.

Solveig Grewe

Auf-Safari.-Mitten-durch-die-Herde-der-Elefanten Loewe-beim-Mittagsschlaf

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