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Mit Viehwaggon in den Tod

23. Juni 2019

Die Rückkehr einer Gedenktafel / 2020 Veranstaltungen nach 75 Jahren Kriegsgefangenen-Befreiung

Im Mittelpunkt des kleinen Mahnmals, das neben dem Video-Reisezentrum der Deutschen Bahn auf dem Bad Fallingbosteler Bahnhof seinen Platz bekommen soll, steht eine Gedenktafel mit Vorgeschichte. Sie zeigt einen Menschen hinter Stacheldraht, der aus einem Erdloch blickt. Hintergrund: Als das Lager Oerbke „Stalag XI D 321“ zum Ziel Zehntausender sowjetischer Kriegsgefangener wurde, war die Einrichtung auf diese Menschenmassen gar nicht eingerichtet. Eine öde Fläche empfing die gefangenen Soldaten. Viele gruben sich zum Schutz Erdhöhlen, mit blanken Händen oder dem Kochgeschirr.
Die Gedenktafel enthält die Inschrift: „Von diesem Bahnhof aus wurden ab Juli 1941 Zehntausende sowjetischer Kriegsgefangener nach oft wochenlangen Fußmärschen und Transporten in Viehwaggons in das Lager Oerbke Stalag XI D 321 getrieben. Etwa 30.000 verhungerten, erfroren oder starben an Seuchen“.
Bereits im Juli 1999, vor 20 Jahren also, hatte der Bad Fallingbosteler Stadtrat beschlossen, diese Gedenktafel am Bahnhofsgebäude anbringen zu lassen. Vor einigen Jahren versteigerte die Deutsche Bahn-Gruppe das Gebäude an einen privaten Bieter. Die Stadt stellte die Gedenktafel sicher und bewahrte sie auf. Doch wohin damit?
Viele Menschen, darunter Mitglieder der Gruppe „Weg des Erinnerns“, setzten sich für eine Neuaufstellung ein. Der damalige Entwurfsverfasser der bronzenen Gedenktafel, Bernhard Marx, hat zwei Vorschläge für eine Neuinstallation erstellt. Einer davon besteht aus aufgestellten Bahnschienen, an deren Spitze Stacheldraht angebracht ist. Stelen symbolisieren Stützen, mit denen die Erdlöcher abgestützt wurden. An einer der Stelen ist die Gedenktafel angebracht. Für dieses Modell entschied sich der Schul-, Kultur- und Sportausschuss in dieser Woche. Die Kosten für die Neuinstallation werden auf 5000 Euro geschätzt.
Eine Überdachung soll die kleine Gedenkstätte nicht bekommen. An einem solchen Ort des Erinnerns, so SPD-Ratsherr Dietmar Meinhold, müsse man „auch Wind, Regen und Schnee spüren“. Ein Erdloch als Endstation sei schließlich „kein Wohlfühlort“.
Zwar hatte die Stadtverwaltung vorgeschlagen, statt Stacheldraht aus Sicherheitsgründen Ketten zu verwenden. Doch das Gremium blieb bei dem Vorschlag von Bernhard Marx: Stacheldraht symbolisiere das Elend viel deutlicher. Der Entwurf sieht vor, die Eisenbahnschienen mit senkrechten Eichen-Kanthölzern nachzuempfinden. Die Verwendung alter Original-Bahnschwellen fällt aus, weil sie schadstoffbelastet (PAK = polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe) sind.
Der Rat muss die Beschlussempfehlung des Fachausschusses noch absegnen (voraussichtlich am 1. Juli). Anschließend werden Bernhard Marx – Dorfmarker, Ratsmitglied und kreativer Kopf in der Kreisstadt – die Konstruktion mithilfe des Bauhofes und möglicherweise helfender Künstler erstellen. Einen Zeitplan gibt es noch nicht. Passend wäre eine Installation bis zum Buß- und Bettag, an dem traditionell mit dem „Weg des Erinnerns“ der Ereignisse gedacht wird.
Übrigens: Bad Fallingbostels Stadtarchivar Dr. Wolfgang Brandes stellte den geschichtlichen Hintergrund der Gedenktafel bei der Sitzung des Ausschusses vor. Und er kündigte an: Wenn sich im kommenden Jahr, am 16. April 2020, die Befreiung des Kriegsgefangenenlagers zum 75. Mal jährt, wird Bad Fallingbostel mit einigen Veranstaltungen die Ereignisse in Erinnerung rufen. Die Arbeit an einem Konzept habe begonnen, Haushaltsmittel werden bei den nächsten Etat-Beratungen eingeplant.

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