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Mit Obstbrand Geister wecken und mit Lamas auf Kuschelkurs

7. Mai 2017

Die Region Ellmau am Wilden Kaiser hält Rezepte für jeden Urlaubergeschmack bereit

Ob Winter- oder Sommersaison scheint einige Seelen in Ellmau am Wilden Kaiser nicht im Geringsten zu beeindrucken. Wolfgang hat es, egal wie die Wetterlage auch sein mag, am liebsten heiß. Heiß im Kessel, denn dann destilliert der Saft, den er als Maische in den Brennkessel gefüllt hat und kommt je nach Wirkungsgrad als klarflüssige Substanz aus dem Kupferkessel geflossen, den er mit freudig strahlendem Gesicht seinen Gästen vorführt. Noch besser werden die Launen, wenn die hochprozentige Substanz gekühlt in die Gläser gefüllt wird und die Kehlen herunterrinnt. Oberhalb der Ortschaft Ellmau, wo Wolfgang seine Brennerei betreibt, scheint jetzt die Welt ungetrübt in Ordnung zu sein. Eine Gruppe probierwilliger Männer vom Niederrhein unterstreicht, dass es kein Vorurteil ist, eine rheinische Frohnatur genannt zu werden. Wolfgang Kaufmann, der diese Schaubrennerei mit der Bezeichnung „Mühlberg REM“ führt, weil selbige auf dem Mühlberg gebaut wurde, erzählt von den Unterschieden, die es bei der Herstellung von geistigen Getränken gibt.

Da wäre natürlich erst einmal der Brand. Ein Brand ist das edelste, war die Getränkeindustrie zu bieten hat, beteuert nicht nur der „Brandmeister“, auch die Gäste stimmen wohlwollend ein, nachdem sie die eine oder andere Kostprobe den Körper hinunter laufen lassen. Kaufmann beteuert, dass er jeden Brand, ob aus Marillen, Heidelbeeren oder sonstigen Früchten, zweimal brennt und dann in Flaschen abfüllt. Er beziffert die jährliche Menge mit 1.000 Liter, natürlich hat immer auch der Zoll seine Nase im Geschäft dabei, versichert er mit einem Glas in der Hand. Vier unterschiedliche Hefeansätze seien die Grundlage für das Gelingen der Brände, teilt der Fachmann der edlen Getränke der interessiert zuhörenden Runde mit.

Dann kommt Wolfgang Kaufmann zum Differenzieren: Die Spirituose wird aus landwirtschaftlich hergestelltem Alkohol hergestellt und mit Aromen versetzt. Besser sei da noch Geist. Wer diesen herstellt, destilliert die Spirituose mit einem Fruchtanteil. Beim Edelbrand jedoch wird der Zucker aus der Frucht als Geschmacksträger ohne jedes Aroma genutzt und Kaufmann hebt einen selbigen zum Trinkspruch an. Die Zuhörer sind begeistert und ordern aus seinem reichlichen Vorrat für die Heimreise aus Österreich gleich ein paar Liter der kostbaren Flüssigkeiten.

Die Edeldestille hat sich in Ellmau ebenso zu einem Magneten für Touristen entwickelt, wie der Lamahof, der von Ruth Oberhofer vor 16 Jahren mit dem Kauf des ersten Lamas gegründet wurde. Auf dem kleinen Bauernhof, den sie gemeinsam mit ihrem Mann und den ungefähr einem Dutzend zuschauenden Katzen bewirtschaftet, haben die Lamas mittlerweile die Hauptrolle übernommen. „Wir unternehmen Lamaführungen. Das ist eine gute Möglichkeit, Unternehmen in Teambildungen eine Komponente anzubieten“, erzählt die Herdenführerin. Allein der Umgang mit den zotteligen Tieren soll für eine perfekte Auseinandersetzung mit anderen Lebewesen sorgen.

Das Experiment nimmt seinen Lauf. Jedes Gruppenmitglied der Handvoll Reisenden bekommt je ein Lama zugeteilt, dass er sich allerdings nach Zuneigung aussuchen darf. Zweifellos ist Sancho erste Wahl, weil er gleich die Lippen nach oben zieht, was einem Lachen ähnlicher ist, als das bei einem Hund der Fall sein würde. Das Halfter wird angelagt, Locker wird der Lamahengst an die Leine genommen, was einem Freigang aus dem Gehege gleichkommt. Neidische Blicke der Artgenossen, die wohl auch gern ausgewählt werden würden, folgen dem Vierbeiner, der zumeist im südamerikanischen Terrain heimisch ist. Sancho gibt sich sogleich als ein folgsamer Zeitgenosse, der gern mit Zuwendung über die Strecke geführt werden möchte, die Ruth herausgesucht hat und durch eine erlebenswerte Landschaft führt. Etwa vier Kilometer liegen jetzt vor Sancho und den anderen fünf Lamas, die auf die Gunst der Touristen getroffen sind.

Während sich Sancho gern den Bauch streicheln lässt und dabei in tiefenentspannter Bewegungsverweigerung die grünen Triebe am Geäst der Wegesränder schmecken lässt, stellt sich die Frage, ob sich beim Thema Menschenführung auch das Kraulen des Bauches anbietet. Eine verbindliche und nachdrückliche Aufforderung, den Gang fortzusetzen, ein leichtes Bewegen des Führseils genügen, um dem Emigranten aus Südamerika wieder in die Spur zu bringen. Sancho entdeckt den Teamspirit und geht bereitwillig jeden Weg mit, den sein zweibeiniger Gefährte einschlägt. „Das sieht nach einer erfolgreichen Mission aus“, lobt Ruth, die sich einst aus der Schweiz aus liebestechnischen Gründen in Österreich niederließ, das internationale Duo. Andere Paare tun sich da keineswegs schwerer und letztlich feiern allesamt die gelungene Wanderung, nachdem die Lastentiere ihr heimatliches Gehege wieder erreicht haben.

Für die bewegungsfreudigen Gäste am Wilden Kaiser ist das Angebot eine willkommene Abwechslung zu den Wanderungen, die geführt oder auf eigene Faust vorgenommen werden. Die Region in und um Ellmau bietet viele Gelegenheiten, sich kurzweilig von der Landschaft mit oder ohne Tierbegleitung verwöhnen zu lassen.

Kurt Sohnemann

 

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