Fotos: Michael Lennartz

Mit dem Reisemobil durch Neuseeland – Das Naturparadies Mittelerde

5. Mai 2019

Es sieht alles noch etwas provisorisch aus. Irgendwo im Nirgendwo, kaum fünf Kilometer vom internationalen Flughafen in Christchurch entfernt, liegt das noch karge Gelände des Reisemobil-Vermieters McRent, der erst vor eineinhalb Jahren seine Aktivitäten auf den Inselstaat im Pazifik ausweitete. Hier übernehmen wir das 7,40 Meter lange, teilintegrierte Wohnmobil T7057, das auf den bevorstehenden fast 5000 Kilometern über beide Inseln bis hinauf in die Hauptstadt Auckland ganz im Norden für uns ein kleines Stück Heimat am anderen Ende Welt bedeuten wird. Von Christchurch nach Auckland oder umgekehrt. So sind viele hier unterwegs. Vier Wochen, sechs Wochen, oft noch länger. Das Reisemobil ist da ein beliebter Begleiter. Zumal freies Campen (Freedom Camping) in Neuseeland – von entsprechend beschilderten Ausnahmen abgesehen – erlaubt ist, sofern es sich um einen ausgewiesenen „self-contained“ Camper mit eigener Toilette handelt. Zwei lange Flüge mit fast 24 Stunden reiner Flugzeit, 12 Stunden Zeitunterschied und der ungewohnte Linksverkehr – da empfiehlt es sich, am ersten Tag nicht gleich größere Distanzen in Angriff zu nehmen.
Durchaus lohnend ist ein Stopp-over in Christchurch. Die Stadt, die so viel Leid erfahren hat. Gerade erst ist sie mit dem fremdenfeindlichen Anschlag auf zwei Moscheen in den Mittelpunkt gerückt, hat aber auch heute noch unter den Folgen des schweren Erdbebens von 2011 zu leiden. Hämmern und Bohren ist noch immer der Sound der mit 350.000 Einwohnern größten Stadt auf der Südinsel. Für viele repräsentiert Neuseeland ja die heile Welt schlechthin. Ein Naturparadies, in dem sich die Menschen eine entspannte, lockere Lebenseinstellung bewahrt haben. Ein Traum-Reiseland, das zwar nicht erst seit der Verfilmung des Tolkien-Epos Herr der Ringe Sehnsüchte weckt, mit der Filmkulisse von „Mittelerde“ aber einen regelrechten Touristen-Boom ausgelöst hat.
Fjorde wie in Norwegen, schottische Highlands, Gletscher wie in den Alpen, tropischer Regenwald oder Hotpools und Geysire wie auf Island – Neuseeland begeistert mit einer kolossalen Vielfalt an Berg- und Landschaftspanoramen auf relativ engem Raum. So verwöhnt die Fahrt zum Lake Takepo das Auge mit einer Pracht in erdfarbenen Tönen, an denen man sich kaum sattsehen kann. Sanft geschwungene Hügel in kuscheligem Sandgelb wie mit Samt überzogen, saftige grüne Wiesen und Wälder, Felsformationen von rostrot bis basaltgrau, ein türkisblauer See und schneeweiße Bergkuppen, je mehr man sich dem Mount Cook nähert, Neuseelands höchstem Berg. Hier ist schon der Weg das Ziel. Und es geht Schlag auf Schlag weiter. Tag für Tag. Die einzigartigen Kugelfelsen am Strand von Moeraki, die blauen Zwergpinguine in Oamaru und das Städtchen Dunedin mit schottischem Flair und der Baldwin Street, der mit rund 35 Prozent Steigung laut Guinness-Buch der Rekorde steilsten Straße der Welt. Dann die Otago-Halbinsel, auf der Albatrosse, Pelzrobben, Seelöwen und die nur in Neuseeland lebenden Gelbaugen-Pinguine zu bestaunen sind.
Im Fjordland laden der Milford Sound und der Doubtful Sound zu Schiffstouren ein, bei denen man unweigerlich Vergleiche mit Norwegen zieht. Bestens ausgeschilderte, zum Teil mehrtägige Wanderwege locken die Trekking-Fans an. Das Wetter kann den Reiseplanungen freilich so manchen Strich durch die Rechnung machen. Wenn etwa tief hängende Wolken den Fox- und den Franz-Josef-Gletscher einhüllen, erübrigen sich Abstecher und erst recht Rundflüge dorthin. Am tiefdunklen Lake Matheson, der wie ein Spiegel wirkt und fantastische Fotomotive offeriert, sollte man dennoch nicht vorbei fahren.
Wer Sandstrände liebt, findet gewiss am Abel-Tasman-Nationalpark Gefallen, und Kaikoura ist, zurück an der Ostküste, ein Muss für alle, die Pottwale und Delfine sehen wollen. Doch keine Angst, auch Abenteurer und Adrenalin-Junkies kommen in Neuseeland voll auf ihre Kosten. Am Tummelplatz Queenstown etwa mit Rafting, Jetboot-Touren oder Tandem-Fallschirmsprünge. Und wer sich an einem Gummiseil kopfunter in die Tiefe stürzen möchte, kann dies an einem historischen Ort von einer Flussbrücke nahe dem schmucken Städtchen Arrowtown tun. Dort haben die „Kiwis“, wie die Neuseeländer sich selbst nennen, nämlich das Bungee-Springen erfunden.
Aber selbst bei fünf Wochen Urlaub stößt die Reiseplanung an ihre Grenzen, schmilzt das Zeitpolster für die Nordinsel ziemlich zusammen. Wir müssen uns auf ein paar wenige Highlights beschränken. So outen wir uns in den Weta-Studios von Wellington zwischen Orks und Gollum als Herr-der-Ringe-Fans, inspizieren bei Upper Hutt weiter nördlich den Filmset der Elbenstadt Rivendell, wandeln in Hobbiton bei Matamata in den Spuren der Hobbits und lassen uns im Tongariro-Nationalpark von den Ausblicken auf Mittelerde und den Schicksalsberg Mount Doom einfangen, der in Wirklichkeit Mount Ngauruhoe heißt. Das geothermische Gebiet um Rotorua mit dem Puhutu-Geysir und den farbenprächtigen heißen Quellen von Wai-O-Tapu ist ebenfalls eine Attraktion, die man nicht links liegen lassen sollte. Und im Tamaki-Village werden die Besucher mit den Traditionen der Maori-Ureinwohner vertraut gemacht.
Die Coromandel-Halbinsel wiederum hält feine Sandstrände und die schönsten Übernachtungsplätze für Reisemobile parat. Die Hauptstadt Auckland am Endpunkt unserer Reise holt uns schnell wieder aus unserem Traumland zurück und empfängt uns – mit einem Stau! Für uns der erste seit fast fünf Wochen. Auch in der größten Stadt Neuseelands wird in der Nachbarschaft von Fischmarkt und Skytower kräftig gebaut. Allerdings nicht als Folge eines Erdbebens, sondern weil sich die stark wachsende Hafenstadt für 2021 herausputzt, wenn die Segel-Nation vor der neuseeländischen Kapitale den America’s Cup, die älteste Sporttrophäe der Welt, zu verteidigen hat.
Michael Lennartz

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