Foto: Kanning

Mit dem Charterboot ein bisschen Freiheit genießen

25. Oktober 2020

Niederländische Provinz Friesland: Den Finger am maritimen Pulsschlag

Sneek. Boote, die allen Ernstes wie große Klompjes aussehen und moderne Riesenschiffe, an deren blitzblanker Außenhülle jeder Fassadenkletterer scheitern würde; dampfbetriebene Nussschalen und klobige, zu Wohnschiffen umgebaute Arbeitsschiffe; traditionelle Plattbodensegler mit lärmender Mannschaft und flunderflache Einhand-Segler: Unsere niederländischen Nachbarn lieben das Wasser und sie lieben Boote. Diese unerschütterliche Zuneigung ist ihnen in die Wiege gelegt. Wie sollte es bei einem Völkchen auch anders sein, das seit Jahrhunderten einen Großteil seiner Scholle dem Wasser abtrotzt. Mancher frühere Fischerort fand sich plötzlich im Binnenland wieder, weil die Außenküste dank Eindeichung und effektiver Entwässerungssysteme um etliche Kilometer verlegt wurde. Dennoch ist Wasser auch in der Provinz Friesland östlich des Ijsselmeeres in sämtlichen Formen allgegenwärtig, und sie bietet damit perfekte Gegebenheiten für alle, die maritime Ambitionen ausleben möchten.
Es muss ja kein eigenes Boot sein – es gibt Charterboote in allen Größen und Preisklassen. Man muss auch gar nicht immer fahren: Wer einen Finger auf den maritimen Pulsschlag der Nachbarn legen möchte, der sollte sich mit seinem Charterboot ein paar sonnige Wochenendstunden lang an die Kaje vor eine der vielen friesischen Klappbrücken legen. Zum Beispiel im Wassersport-Städtchen Woudsend. Das passieren – in diesem Jahr sicher coronabedingt – unglaublich viele Wasserfahrzeuge aller Art und Größe und wenn sich der Verkehr staut wird es spannend. Da liegen schon mal die Nerven der Wassersportler blank. „Brückenkino“ nennt das der Bootsfahrer, der sich so was insgeheim lieber von außen ansieht, als dass er irgendwie involviert wäre. Noch packender ist das Spektakel an Knotenpunkten wie Stavoren, wo jeder auf dem Weg ins Ijsselmeer mit seiner Schokoladenseite an die Schleusenwand möchte.
Unter der Woche geht es auf friesischen Gewässern erheblich beschaulicher zu, dann kommen die Charterbootfahrer als Akteure auf ihre Kosten. Friesland ist so vielfältig und so üppig mit Liegeplätzen ausgestattet, dass man sich für einen Törn Schwerpunkte setzen sollte. Mag man es friedlich, dann genießt man die vom Verein „Marrekrite“ ausgewiesenen, kostenlosen Naturliegeplätze (max. drei Nächte), die außer regelmäßiger Müllentsorgung in erster Linie Ruhe und Naturerlebnisse bieten. Man kann zum Einkaufen oder für „een Kopje Koffie“ direkt vor angesagten Lokalen „parken“ oder an der Stadtkaje einer der wirklich sehr alten und bezaubernd schönen Ortschaften anlegen.
Dank der Infrastruktur für Wassersportler, die ihresgleichen sucht, ist alles möglich und jeder ist frei – man fährt nach Lust, Laune und Wetter. Auch zu Corona-Zeiten, die nur zu Anfang der Saison für Einschränkungen gesorgt haben. Mittlerweile (September 2020) hängen Zettel an den Geschäften oder für die Fußgänger und Radfahrer an den Klappbrücken, die an den Mindestabstand erinnern, oder Ermahnungen am Supermarkteingang, dass man einen Einkaufswagen benutzen soll und Desinfektionstücher bereit liegen. Masken sind hingegen nirgends zu sehen und auch die Bedienungen in Geschäften und Lokalen sind ungeschützt. In den Sanitäranlagen der Häfen wurde einfach jede zweite Toilette und jedes zweite Waschbecken gesperrt – fertig ist die Laube. Schädliche Aerosole – so wohl die Hoffnung – zerstäubt der friesische Wind.
Allerdings sind gerade etwas größere Charterboote ohnehin mit allem bestückt, was ein autarkes Leben ermöglicht. Klug geplant bleibt man nahezu unter sich. Wenn zu Coronazeiten Urlaub mit ein bisschen Freiheit, dann genau so. Ein paar Steg-Gespräche auf Abstand müssen eben reichen. Es bleibt trotzdem genug, was einen Bootsurlaub in Friesland einzigartig und unvergesslich macht.
Ulla Kanning

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