Sportlichkeit, die am Klang unverkennbar ist – der Mercedes-Benz AMG C63. Fotos: so

Mercedes-Benz AMG C63 – Tiefer Griff in die Haferkiste für 476 Vollblüter

17. Oktober 2016

Mercedes-Benz AMG C63 – Tiefer Griff in die Haferkiste für 476 Vollblüter Kurt Sohnemann
Verarbeitung
Gepäckraum
Verbrauch
Leistung
Ausstattung
Sitze

Bewertung:

3.7


Mercedes-Benz verabreicht den Verkehrsteilnehmern eine schmackhafte Portion DTM-Gefühl

Walsrode. „Die Fahrzeuge aus der AMG-Schmiede sind relativ nahe den Fahrzeugen, die wir für die Deutsche Tourenwagen Meisterschaft zur Verfügung haben“, sagt Bernd Schneider. Der Mann weiß, worüber er redet. Er gewann die DTM fünf Mal und fuhr über 200 Rennen in der Klasse. Als nähert man sich der C-Klasse-Limousine mit dem AMG getunten Aggregat unter der Haube am besten mit einer angemessenen Portion Respekt und einem Feingefühl im rechten Fuß, das mancher Uhrmacher gern in seinen Händen hätte. Der Mercedes-Benz in seiner Sportvariante wirkt auf den ersten Blick für den Kenner schon beeindruckend.

Er lässt aber Otto Normalfahrer vorerst relativ kalt, denn er signalisiert, dass er auch als Familienfahrzeug integriert werden kann. Nicht zu übersehen, dass fünf Personen in dem Fahrzeug Platz finden. Nun gut, auf der hinteren Bank wird es etwas eng für die Beine, es muss eben noch ein Unterschied zur größeren E-Klasse dasein. Der Gepäckraum ist mit 435 Litern für ein Sportfahrzeug schon ungewöhnlich groß dimensioniert, lässt aber durch die Ladeluke nicht alle Sperrgüter hinein, die möglicherweise in einem T-Modell mitgenommen werden können.

Der AMG lässt aber deutlich erkennen, dass er alltagstauglich sein kann. Der Kontakt mit der Sportlichkeit deutet sich spätestens an, wenn der Fahrer hinter dem perfekt in der Hand liegenden Lenkrad seine Position bezogen hat. Da wird nicht an einer Silhouette der Sitz verstellt, wie bei anderen Mercedes-Benz-Modellen. Aus Gewichtsgründen wird die gute handbediente Sitzschiene betätigt. Die Rückenlehne indes folgt der elektrischen Vorgabe direkt am Sitz. Ein kleiner Kompromiss hinsichtlich der Waage muss eben sein. Alles ist recht eng gehalten. Wer über Wurstfinger verfügt, behält bei der Sitzeinstellung am besten die Tür geöffnet.

Die Suche nach dem Startknopf bleibt erfolglos. Mercedes-Benz setzt auf den guten alten Schlüsseldreh. Mit ihm beginnt das eigentliche Erlebnis. Aus den vier Endrohren wird die Symphonie an die Umwelt getragen, die sich der Fahrer wünscht, dem man nicht sagen muss, dass Namen wie Röhrl, Vettel oder Rosberg nicht Personen aus der klassischen Malerei sind. Über das digitale Fahrzeugmanagement kann der Fahrer jetzt die Zusammensetzung des Orchesters selbst wählen. Das beginnt mit der Komfortnote, die sonor und dezent dem Ton eines Bluthundes gleicht, dem man einen Knochen wegnehmen will.

In der Sportversion faucht die Abgasentsorgung dann in noch tieferer Tonlage und erhöht leicht die Lautstärke. Getoppt nur noch vom Sport-Plus-Programm, in dem die Gehörgänge mit den Tönen beschallt werden, die am Rennkurs üblich sind. Fehlzündungen sind so einprogrammiert, dass sie beim Herunterschalten der 7-Gang-Speedshift-Automatik (so schnell schaltet niemand mit der Hand) teilweise wie ein Schusswechsel aus dem Schützengraben klingen. Mercedes-Benz hat die Gehörgänge mit dem AMG-Sound vollends für sich begeistert. Die individuelle Einstellung des Sounds ist da nur begrüßenswerte Zugabe. Schnell übernimmt die Mischung aus Leistung und Sound die Adrenalin-Dosierung des Fahrers. Die 476 Pferde am Gasfuß bringen ihre geballte Kraft so unisono auf die Hinterachse, dass die Anti-schlupfregelung schon eine Einrichtung ist, die nicht überflüssig wirkt.

Das leichte Ausbrechen beim Beschleunigen wird zwar einen Fahrer mit ausgeprägtem Popometer und einer leichten Dosis Erfahrung nicht aus der Fassung bringen, ist aber bei nassem Untergrund bei der Technik von Mercedes-Benz in guten Händen. Bei guten Straßenbedingungen beschleunigt der C63 aus dem Stand innerhalb von 4,1 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100. Die acht Zylinder hinterlassen aber auch jenseits dieser Grenze achtbare Werte und zeigen eine ideale Elastizität, um das eine oder andere Hindernis zu umfahren, dass sich im Sonntagsnachmittagstempo vor dem Cockpit auftut. Im Normalfall ist der AMG C63 bei Tempo 250 abgeregelt. Wer das nicht möchte, kann die gesamte Power auf der Autobahn ausnutzen und kommt dann auf 290 km/h, die keinerlei Überforderung des Fahrers darstellen, sondern sich überraschend leicht kontrollieren lassen.

Durch die innenbelüfteten Scheibenbremsen vorn und hinten mit gewaltigen Bremszangen ist der Mercedes-Benz schnell wieder in gewünschter Geschwindigkeitsdimension zurück, die von der jeweiligen Verkehrssituation gefordert ist. Dass dieses Spitzenprodukt der Automobilindustrie nicht zum Schleuderpreis angeboten und betrieben werden kann, dürfte jedem marktwirtschaftlich orientierten Zeitgenossen einleuchten. Der Grundpreis von 76.279 Euro ist der Einstieg in diese Dimension, wobei kleine Annehmlichkeiten den Preis auch problemlos in sechsstellige Höhe treiben können. Der Verbrauch ist zwar vom Daimler-Konzern mit 8,2 Litern im Mittelwert angegeben, dürfte aber von niemandem erreicht werden, der den C63 kauft, weil er seine ureigenen Fähigkeiten nutzen möchte. So sollte der Testverbrauch von 11,2 Litern einer realistischen Futterdosis der 476 Vollblüter nahe kommen.

Kurt Sohnemann

 

Mercedes-Benz AMG C63 – Hubraum: 3.982 ccm – Zylinder: 8 V Bi-Turbo – Leistung kW/PS: 350/476 bei U/min.: 5.500 – Max. Drehmoment: 650 Nm/1.750 – Höchstgeschwindigkeit: 290 km/h – Beschl. 0-100 km/h: 4,1 sek. – Leergewicht: 1.715 kg – Zul. Gesamtgewicht: 2.175 kg – 7-Gang-Speedshiftautomatik – Verbrauch (Test): 11,2 l/100 km – Gepäckraum: 435 l – Wendekreis: 11,29 m – Kraftstoffart: Super Plus – CO2-Ausstoß: 192 g/km (WA) – Euro 6 – Effizienzklasse E – Grundpreis: 76.279 Euro

 

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