Foto: Kanning

Landwirtschaft sucht neue Wege

19. März 2017

Färöer – Leben in und mit der Natur des Inselreichs

Tórshavn. Nicht oft bietet sich vom Flieger aus durch ein Nebelloch der Blick über das komplette Inselreich der Färöer im Nordatlantik. Wer das seltene Glück hat, der kann sich leicht vorstellen, wie schwierig zu früheren Zeiten die Nahrungsbeschaffung in dieser exponierten Lage und bei den geologischen Gegebenheiten gewesen sein muss. Heute investieren die Färöer viel, um in Sachen Ernährung einigermaßen autark zu bleiben.

Eine Haupternährungsquelle ist natürlich das Meer, das reichlich Fisch liefert, der zugleich auch den größten Exportfaktor ausmacht. In den klaren Fjorden wachsen zudem für Verzehr und Export Lachs und Langostinos (Kaisergranat) in exzellenter Qualität heran. Von geringerer Bedeutung: Der traditionelle Fang der Grindwale, das Grindadráp. Er ist überall umstritten, nur nicht auf den Färöern. „Wir fahren nicht zur Jagd hinaus, die Wale kommen zu uns”, heißt es. Es werden ausschließlich die nicht vom Aussterben bedrohten Grindwale geschlachtet. Die Tötung der aus den Fjorden hereingetriebenen Wale erfolgt an den Stränden. „Wir können sie nur dort zerlegen. Das ist nicht schön anzusehen”, gesteht der Taxifahrer ein, „aber in Euren Schlachthäusern sieht es nicht anders aus!” Der Fang wird unter allen Helfern gerecht verteilt und allein auf der Insel verzehrt. „Wir leben hier nun einmal in, mit und von der Natur”, erklärt Reiseführer Per Hansen.

Eine große Rolle in der Ernährung der Färöer spielen die rund 70.000 Inselschafe. Mehr könnten die kargen Inseln auf Dauer nicht ernähren, deshalb wird die Zahl konstant gehalten und zusätzlich Schafsfleisch aus Neuseeland importiert. Die färöischen Schafe laufen nahezu frei über die steilen Hänge und werden zwei Mal im Jahr von ihren Besitzern zusammengetrieben. Wollverarbeitung und -Export sind wichtige Wirtschaftsfaktoren der Färöer.

In der Nähe der Hauptstadt Tórshavn befindet sich der älteste noch bewirtschaftete Bauernhof der Inseln, der Erbpachthof von Familie Patursson, betrieben in 17. Generation von Jóannes Patursson. Seine Familie hat den Hof im Jahre 1559 übernommen, als der Bischofssitz Kirkjubøur im Zuge der Reformation abgeschafft, das zugehörige Land vom dänischen König eingezogen und fortan als „Königsbauernhof” verpachtet wurde. Das Wohnhaus war Teil des Bischofssitzes und entstand im 12. Jahrhundert. Es ist das älteste durchgehend bewohnte Holzhaus Europas. Noch heute unterliegen die insgesamt 400 färöischen Königsbauernhöfe traditionellen Vorgaben.

Es müssen nicht nur die überlassenen Ländereien bewirtschaftet, die Gebäude erhalten und der zugesprochene Viehbestand gesichert, es muss auch Pacht gezahlt und die Übergabe des Hofes vorbereitet werden: Mit 70 Jahren hat Patursson ihn zu verlassen und im besten Fall an eines seiner vier Kinder zu übergeben. „Dieses System ist veraltet und finanziell nicht mehr zu schaffen”, lautet Paturssons Appell an die moderne Politik. Zubrot verdient sich die Familie durch Führungen und gastronomische Events in der Roykstovan (Räucherstube) des Hofes, in der jedes Möbelstück eine lange Geschichte erzählt.

Viele Landwirte betreiben ihre Höfe im Nebenerwerb, wie Anna und Óli Rubeksen, die an ihrem Esstisch über dem Hestsfjørdur die Welt empfangen. Der Jugendschutzbeauftrage und die Jugendbetreuerin teilen ihr Leben gern für ein paar Stunden mit Gästen, die sie mit traditionellen färöischen Gerichten und Bieren verwöhnen (Heimablidni). Noch immer ist das Leben auf den Färöern rau und jeder muss sehen, wie er über die Runden kommt. „Wir wissen aus unserer Geschichte, was Hunger ist”, sagt Reiseleiter Per Hansen. Wer sich auf die Färöer einlässt, entwickelt schnell Sympathie und Respekt für das kleine eigensinnige Völkchen.

Ulla Kanning

 

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