Können Sie sich vorstellen, länger zu arbeiten?

25. August 2019

Immer mehr Rentner sind wieder berufstätig und verdienen dazu.

Laut Bundesarbeitsministerium stieg von der Jahrtausendwende bis 2018 die Zahl der erwerbstätigen Rentner von 530.000 auf 1,445 Millionen Rentner, somit verdient jeder Zwölfte heute im Ruhestand etwas hinzu. Auf der einen Seite ist es so, dass die Rente aufgestockt werden soll, um den entsprechenden Lebensstandard zu halten, auf der anderen Seite werden die einstigen Fachkräfte aufgrund des Fachkräftemangels händeringend gesucht. „Senior Expert“ nennt die Bahn zum Beispiel die rund 500 Ruheständlerkollegen, die an Bord bleiben. Das Unternehmen will sich ihr Wissen und die Erfahrung länger sichern.

Den Fachkräftemangel spürt nicht nur der Staatskonzern. Rentner springen für Bademeister in Freibädern ein, tragen Zeitungen aus oder bleiben in ihren alten Jobs. Unter den Menschen mit 450-Euro-Jobs bilden Rentner laut Bundesagentur für Arbeit inzwischen die größte Gruppe. In den ersten drei Jahren nach Rentenbeginn arbeitet noch fast jeder Dritte, Frauen etwas häufiger als Männer. Das hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ermittelt.
Ruheständler sind begehrt. Gerade hat das Land Berlin 250 Lehrer aus der Pension zurückgeholt, weil sonst Personal fehlt. Seit Monaten buhlt auch die ostdeutsche Eisenbahngesellschaft um Rentner. Sie sollen Züge steuern und im Service tätig werden. Das Arbeitsministerium erwartet, dass künftig noch mehr Rentner arbeiten.
Zum Teil wollen einige, besonders Alleinstehende, so der Vereinsamung zu Hause entgehen. Auf der Arbeit finden viele wieder soziale Kontakte, eine Aufgabe und Kollegen. Nicht zu vergessen das Extra-Geld, das man gerne mitnimmt. „Besser als Pfandflaschen sammeln“, sind sich da viele sicher.

Ich bin schon seit sechs Jahren Rentner. Ich hätte vorher aufhören können, aber die Arbeit als Großhandelsvertreter hat mir viel Spaß gemacht. Ich war in fünf Bundesländern unterwegs und bin 90.000 Kilometer im Jahr gefahren. Ich habe keine Langeweile, und mir hat es auch nichts ausgemacht, von heute auf morgen aufzuhören. Ich habe Briefmarken sammeln, fotografieren und die Musik als Hobby. Früher legte ich immer beim Oldieabend Platten zum Tanzen auf. Viele Rentner kommen nicht klar damit, nicht mehr zu arbeiten. Mir hat es nichts ausgemacht, ich bin den ganzen Tag beschäftigt – Claus Kiepsel aus Jeddingen

Ich bin Rentner und arbeite noch nebenbei. Ich habe einen 400 Euro-Job als Maurer, um die Rente aufzubessern und aus Liebe zur Arbeit. Es ist schön, wenn etwas entsteht und man daran teilhat. 40 Jahre war ich in ganz Europa auf Montage und habe Industriefußböden im Akkord hergestellt. Die letzten fünf Jahre war ich in Skandinavien tätig. Ich müsste nicht mehr arbeiten, aber ich arbeite gerne. Ich denke, es geht vielen Arbeitskollegen so. Es wird immer viel für Fremde getan und in Deutschland müssen die Rentner Pfandflaschen sammeln. Das ist nicht richtig – Reinhard Meyer aus Jeddingen

Ich kann mir vorstellen, länger zu arbeiten, weil mir mein Job als Postzustellerin Spaß macht. Es ist der Umgang mit den Menschen. Die Leute erwarten einen mit Freude und man bekommt unheimlich viel wieder. Vorher war ich in der Altenpflege und in der Gastronomie tätig. Das kann man nicht ewig machen. Ich liebe den Umgang mit Menschen. Das Finanzielle würde für mich nicht im Vordergrund stehen. Vielen Rentnern fällt zu Hause das Dach auf den Kopf. Sie haben ihr Leben lang gearbeitet und plötzlich fehlt ihnen etwas. Ich bin auch nicht der Mensch, der zu Hause rumsitzen kann. Solang es körperlich geht, werde ich arbeiten – Birgit Elhaddad aus Bad Fallingbostel

Am 29. ist mein letzter Arbeitstag. Dann gehe ich in die passive Altersfreizeit. Da geht zwar etwas vom Gehalt ab, doch ich freue mich, nicht mehr jeden Tag 100 Kilometer fahren zu müssen. Ich will viel Sport treiben und einen Saunatag einlegen sowie viel Reisen, außerdem meinen großen Garten pflegen. Da wird mir nicht langweilig. Ich war die letzten zwei Jahre im Empfang der Kreissparkasse tätig und habe viele Leute kennengelernt. Die Vereinsamung ist ein Grund, warum viele noch arbeiten gehen möchten sowie der finanzielle Einschnitt, denn man will den Lebensstand halten – Hella Kiepsel aus Jeddingen

Ich arbeite in der Pflege im Kindergarten und mache eine Ausbildung zur Heilerziehungspflege. Wenn man immer pflegt, will man später nicht mehr arbeiten. Im Kindergarten ein paar Stunden arbeiten, ist etwas anderes, als im Pflegeberuf tätig zu sein. Wer da immer die Patienten aus dem Bett holt, weiß, dass der Körper irgendwann nicht mehr mitmacht. Ebenso geht es einem, wenn man die körperliche Arbeit nicht gewohnt ist. Viele Rentner, wie mein Vater, der Landmaschinenmechaniker ist, arbeiten in ihrem Beruf weiter, weil es ihnen Spaß macht und weil sie gebraucht werden – Marie Meinders aus Wedemark

Mit 67 Jahren habe ich eine Grenze erreicht, an der ich nicht mehr arbeiten möchte. Besonders, wenn es um körperlich anstrengende Arbeit geht, da hat man die Rente verdient. Ich sitze zwar im Büro, aber jeden Tag neun Stunden voll konzentriert in der Warenannahme und -ausgabe sowie Personalwesen. Ich versuche, jetzt schon die Freizeit zu nutzen, da ich merke, dass man schwächer wird. Da freut man sich auf die freien Tage. Seit 33 Jahren fahre ich nebenbei Taxi, um das Gehalt aufzubessern. Aber nun habe ich die Stunden reduziert und weiß, dass ich es nicht mehr im Rentenalter schaffe – Sabine Helms aus Bad Fallingbostel

Schlagworte:




Comments are closed.

Back to Top ↑