Foto: Ellen Ersing

Königin der französichen Mineralbäder

9. Juli 2015

Vichy in der Auvergne – ein historischer Ort seit den Zeiten der alten Römer

Vichy. Man ist in der Stadt des Wassers – zum einen der Thermal- und Mineralquellen, deren Wirkung schon die Römer zu schätzen wussten, und zum anderen des aufgestauten Flusses Allier, der einen langgestreckten See für viele Sportarten des nassen Elements bildet. Das 25 000 Einwohner zählende quicklebendige Städtchen in der Auvergne lebt nicht nur von den goldenen Zeiten des 19. Jahrhunderts, als im Gefolge von Napoléon III der europäische und orientalische Hochadel nach Vichy strebte. Der Kaiser wollte ein französisches Baden-Baden erschaffen, ließ sich zeitweise in einer hiesigen Sommerresidenz nieder und ordnete den Bau repräsentativer Bauten an, denen die Zeitläufte nichts anhaben konnten.

Da ist der imperiale Kongresspalast, der innerlich modernisiert bis heute zu Tagungen genutzt wird. Gleich nebenan in der Oper sind über die Jahre namhafteste Künstler aufgetreten und tun dies bis heute. Eine Pferderennbahn gehört zu einem Bad wie diesem, ebenso einer der ersten Golfplätze auf dem europäischen Festland, der auf Wunsch britischer Gäste während der Belle Epoque angelegt wurde.
Ein kluger Bürgermeister hat beim Abflauen des Kurbetriebs der Reichen und Schönen nach dem Ende des 2. Weltkriegs auf den Sport gesetzt und vielfältige Einrichtungen geschaffen, die den Olympianormen entsprechen. So gelingt es immer wieder, namhafte Sportler nach Vichy zu locken, etwa die US-amerikanischen Schwimmer zur Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in London, aber auch Ruderer und Kanuten.
Von den über 300 Hotels der Blütezeit sind heute 36 in allen Kategorien geblieben, die bis zum Fünf-Sterne-Bau reichen. Man kann aber auch in einem liebevoll restaurierten Bürgerhaus nächtigen: Madame Gauthier ersetzt einen Fremdenführer und weiht ihre Gäste gleich nach der Ankunft bei einer Tasse Tee in die Sehenswürdigkeiten der Stadt ein (www.demeure-hortense.fr).

Eine davon, die Kirche Notre-Dame des malades, wurde in den 1930-er Jahren originell-bunt im Stil der Art Déco ausgestaltet. Im Übrigen bleibt die Gastronomie im finanziellen Rahmen heutiger Besucher, aber immer in stilvoller Umgebung, etwa in der Brasserie du Casino, deren Wände von Starfotos derer geschmückt sind, die in der nahen Oper gastierten, oder in einem Seitenflügel des repräsentativen Bahnhofsbaus bei Pierre Yves Lorgeoux, der aus Leidenschaft kocht und sein Lokal nach seinen Initialen Pyl-Pyl genannt hat.
Wir wollen nicht verschweigen, dass hier im 2. Weltkrieg eine Marionettenregierung des Hitler-Regimes das unbesetzte südliche Rest-Frankreich verwaltete. Allerdings konnte die Bevölkerung der Stadt nichts dafür, dass sich die Verwaltung unter Führung des Marschalls Philippe Pétain hier niederließ: Den Ausschlag hatte die große Hotelkapazität von Vichy gegeben, um die Beamten schnellstmöglich ohne große Neubaumaßnamen unterbringen zu können.
Kein französisches Bad ohne Spielkasino und natürlich nicht ohne Trinkhalle, in der die Heilwässer aus verschiedenen Quellen eingenommen werden. Einst wandelte man aus dem Quellenhaus überdacht rund um den Kurpark – dieser Gang ist bis heute erhalten, wenn dort auch nicht mehr der Kaiser mit seiner Gattin unterwegs ist. Man erzählt, dass er dabei einer seiner Mätressen begegnete und deren Hund den Liebhaber seiner Herrin schwanzwedelnd begrüßte: Der Skandal war perfekt.
Es ist unmöglich, von hier wieder abzureisen, ohne eine Vichy-Dusche genommen zu haben: Zwei oder gar vier Hände massieren den gestressten Körper, während sich das heilsame Thermalwasser über einen ergießt. Ihre volle Wirkung entfaltet sich natürlich erst, wenn man diese Behandlung über zwei Wochen oder länger genießt.

Infos: www.vichydestinations.com.
Dr. Bernd-Wilfried Kießler

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