So ganz ohne Fingerspitzengefühl geht’s mit der Ninja nicht Foto: Jamie Lee Zorn

Kawasaki Ninja ZX 10R – Spiel mit den Naturgewalten

19. September 2016

Walsrode. Vielleicht ist es die Assoziation zum Kampfsport, die eine Ninja dem Namen nach so gefährlich erscheinen lässt. Die erste Berührung findet jedenfalls unter größten Sicherheitsbedenken statt und der Griff in der rechten Hand bewegt sich nur vorsichtig nach unter – man weiß ja nie, was da so alles kommt? Kawasaki hat mit der Ninja natürlich schon einige Meter Gummi auf den Rennstrecken verteilt, so dass der Respekt vor dem 1-Liter-Motor mit zwei Griffen zum Festklammern und dem Rahmen, damit man über dem Aggregat Platz findet, gerechtfertigt ist.

Alles in allem werden sämtliche Utensilien, die für Renngeschwindigkeiten benötigt werden, so dezent und geschickt in dem Rahmen verstaut, dass die Ninja mit den satten 200 PS auf zwei Rädern aussieht wie eine Halblitermaschine der frühen 70er Jahre – nur eben viel eleganter. Kawasaki zeigt in dem Modell eindrucksvoll die moderne Bauweise, wenn Gewicht eingespart werden soll. 206 Kilogramm bringt das vollgetankte Geschoss auf die Waage und hat damit nahezu ein 1:1-Verhältnis was Pferdestärken zu Gewicht angeht. Das Staunen geht so langsam in ein mulmiges Gefühl über, als hier zusammenwachsen soll, was für die Testzeit von zwei Wochen zusammengehören muss. Da treffen zwei Titan-Hüftgelenke, diverses Ersatzmaterial aus Kevlar und die eingeschränkte Beweglichkeit, die sich bestensfalls aus dem Aufsitzen auf dem Barhocker ergeben und zweirädrige Supersportlichkeit aufeinander.

Mit etwas Nachdruck erreichen die Knie gefühlt die Ohrläppchen, um die Jockeyposition auf der Sitzbank einnehmen zu können. Offensichtlich müssen die Bodenwellen nicht ausgesessen werden – aus dem Sattel gehen, ist zumindest in Kurvenlagen angesagt. Wenn das Feinkostgewölbe auf dem 17-Liter-Tank verstaut ist, lässt ein Druck auf den Anlasserknopf eindrucksvoll die Pferdchen wiehern und schnauben. Die Geräuschkulisse verändert sich spielend zu einem gefährlichen Grollen, wenn der Gashahn mit den Vollblütern spielt. Hier ist Technik pur in Bewegung, Technik die Limits setzt und abverlangt. Also beginnt die Reise vor den anstehenden 400 Kilometern mit einer dezenten Mischung aus Herantasten und „es darf ruhig etwas mehr sein“.

Die Kawasaki Ninja ZX 10R gibt sich friedlich, solange sie von Drehzahlen bis 6.000 gestreichelt wird. In jeder Phase vermittelt sie, dass noch mehr Potenzial vorhanden ist, wenn das denn so gewünscht ist. Der ersten Gang reicht durchaus, um die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf Landstraßen zu erreichen.

Was dann kommt, ist Zugabe – vorzugsweise auf Autobahnen oder Rennstrecken. Es gibt Biker, die setzen pures Adrenalin frei, wenn sie mit der Ninja 300 Stundenkilometer schnell über die Piste heizen. Das ist aber dann doch der gegebenen Verkehrsdichte nicht immer angemessen und so bleibt die kurzfristige Geschwindigkeitsorgie mit der Rückversicherung, immer noch mehr PS im Köcher zu haben, wenn denn die Pfeile gezogen werden sollen.

Die Kawasaki Ninja ZX 10R ist ein typisches Bike für die sportlichen Fahrer, die gar nicht rasen wollen, sondern die mit einem leichten Dreh am rechten Griff eine unbändige Kraft freisetzen wollen, die für jeden denkbaren Überholvorgang ausreicht. Nichts und niemand kann dann die Ninja aufhalten. Da die Gänge im Display angezeigt werden, wird der Pilot immer wieder daran erinnert, dass es bis zu sechs Schaltstufen gibt, in denen es neben Leistung auch das Einsparen von Treibstoff als Nebeneffekt gibt. Es ist natürlich schon erquickend, kurzfristig den Fahrtwind bei 250 km/h zu spüren. Es ist aber auch beruhigend, die Brembo-Bremssättel in die Scheiben greifen zu lassen und das Gefühl zu haben, in Bruchteilen von Sekunden in den Stand zu gelangen.

Die Druck- und Zugstufendämpfung ist zwar individuell einstellbar, kann aber nicht den Charakter der typischen Rennmaschine verhehlen. Hier soll kein Sänftendasein erlebt werden, hier sollen die Grenzen von Geschwindigkeit, Neigungswinkeln und Handlichkeit genossen werden. Die Ninja 10R ist das Paradebeispiel eines Supersportlers, der auf den vormontierten Slicks auf den Felgen die Gratwanderung erlaubt. Sie geht aber auch ganz locker am Zügel, wenn der Fahrer das vorgibt und setzt keine Rennsporterfahrung voraus, um einen Heidenspaß auf sauberem Asphalt zu haben. Was dann nicht sein darf, ist Feuchtigkeit. Dafür holt niemand seine Ninja aus dem Stall.

Kurt Sohnemann

Daten: 4 Zylinder Reihe –  flüssigkeitsgekühlt – 998 ccm –147 kW/200 PS bei 13.000 U/min – max. Drehmoment 112 Nm bei 11.500 U/min – 6-Gang – Kette – 17-Liter-Tank –  Länge 2.075 mm – Breite 715 mm – Leergewicht 201 kg – Sitzhöhe 813 mm – Höchstgeschwindigkeit 300 km/h – Verbrauch 6,2 l/100 km – Preis 17.195 Euro

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