Fotos: Lehmann

„Ich bin müde“

6. August 2017

Elena Ramelli – Eine streitbare ältere Dame und ihr roter Wurstcontainer am Gotthard-Pass

Es ist alles wie immer. Zumindest auf den ersten Blick. So, wie wir es aus dem vergangenen Sommer in Erinnerung haben. Und aus den vielen Jahren davor. Auf dem Parkplatz neben dem St.-Gotthard-Museum, in dem sich alles um die verkehrstechnische Bedeutung dieser beispiellosen Nord-Süd-Achse dreht, ist schon seit dem Mittag kein freier Platz mehr zu bekommen. Ebenso wenig wie auf der Terrasse des Hospiz-Restaurants, wo die Kellner mit geschäftsmäßiger Freundlichkeit versuchen, nicht den Überblick zu verlieren.

Von den Tischen wabert ein Sprachengewirr herüber, das auch den erfahrensten Linguistiker kapitulieren lässt. Der gegenüberliegende kleine See ist selbst um diese Jahreszeit so kalt, dass einen bereits das Fußbad eines unerschrockenen Holländers Gänsehaut bekommen lässt. Nur ein paar Schritte weiter, unmittelbar am Fuße der aus Stein gehauenen Madonna di Fatima, ist er schließlich zu sehen: Jener rote, in die Jahre gekommene Container, der ebenso zum 2091 Meter hohen Passo San Gotthardo gehört wie das beeindruckende Rundum-Bergpanorama der Schweizer Zentralalpen.

„Bratwurst, Servela – mit Brot und Senf“ ist da in großen weißen Buchstaben auf dem Bauwagen zu lesen. Davor steht Elena Ramelli und macht das, was sie immer macht: sich um ihre Kundschaft kümmern. Fünf Franken kostet eine Bratwurst, die Servela sogar sechs. Wer in Euro bezahlt, hofft vergeblich auf Wechselkurs-Vorteile. Happige Preise, über die sich aber niemand beschwert. Ganz im Gegenteil. „Die Leute kommen doch überhaupt nur wegen meiner Wurst hier hoch auf den Berg“, sagt die mittlerweile 73-Jährige augenzwinkernd und der Andrang scheint ihr Recht zu geben.

„Ich komme schon seit über 30 Jahre hierher“, outet sich ein Deutscher als Stammkunde, muss deshalb aber ebenso in der Schlange warten wie alle anderen. Bereits als Kind stand Elena Ramelli, die im nahen Airolo aufgewachsen ist und noch heute dort wohnt, zusammen mit ihrem Bruder hier oben auf dem Pass und verkaufte selbstgepflückte Blumen an die ersten Touristen. Seit 1961 betreibt sie ihre Bratwurstbude. Später kam noch ein Souvenir-Stand hinzu, an dem vornehmlich Plüsch-Bernhardiner um die Gunst der Durchreisenden buhlen.

Eigentlich würde man das braun-weiß gefleckte Zotteltier dem Namen nach gut 100 Kilometer weiter südwestlich verorten, wo es einst – mit einem Fässchen Rum am Halsband – als treuer Begleiter der dortigen Mönche galt. Dass es damit hier oben niemand so genau nimmt, liegt möglicherweise aber auch an der Höhe, die an und für sich schon schwindelnd genug ist. Der jungen Japanerin, die ganz offensichtlich noch zwischen zwei der vierbeinigen Exponate schwankt, ist es allemal egal.

Womit letztendlich mehr zu verdienen ist? Fraglos mit der Wurst, wie man an der Warteschlange nur unschwer erkennen kann. Glaubt man Elena Ramelli, dann liegt das Geheimnis im Brennholz, das ausschließlich aus den Wäldern der Leventina stammt und dem Ganzen erst seinen unvergleichlichen Geschmack gibt. Das würde zumindest erklären, warum die gleiche Wurst – daheim im Garten auf den Gasgrill gelegt – nur ansatzweise so gut schmeckt. Auch Ambrosius Pfaff hat das für sich erkannt und kommt stattdessen lieber drei bis vier Mal im Jahr den Berg herauf. Allerdings hat es der gebürtige Freiburger auch nicht allzu weit. Der gelernte Klavierbauer lebt seit mittlerweile 30 Jahren in Locarno und hat sich dort nicht nur auf die Herstellung historischer Tasteninstrumente spezialisiert, sondern gibt auch hier oben buchstäblich den Ton an. „Ich konnte irgendwann die immer gleiche Musik nicht mehr hören und bringe seitdem hin und wieder ein paar aktuelle CDs mit, die Elena dann auf Kassetten überspielt“, erzählt der 57-Jährige lachend.

Während die meisten anderen auf der Durchreise sind, hat er den freien Tag zu einem Ausflug auf den Pass genutzt und an dem alten Tisch mit der schwarz-rot karierten Plastikdecke Platz genommen. Spätestens seitdem Sohn Jonas, der heute in Zürich lebt, als 15-Jähriger einen Ferienjob bei Elena Ramelli annahm, ist zwischen ihr und den Pfaffs eine echte Freundschaft entstanden.

„Sie ist eine außergewöhnliche Frau, die unserem Sohn an Regentagen viel über die Schweizer Kultur beigebracht und in den Wintermonaten, wenn der Pass geschlossen ist, schon die halbe Welt bereist hat“, sagt Ambrosius Pfaff, weiß aber auch, dass sie es nicht immer leicht hatte. Weil ihr alter roter Container eines Tages nicht mehr so recht ins glitzernde Tessiner Urlauberidyll passen wollte, hatte man ihr sogar einen zweiten Bratwurststand buchstäblich vor die Nase gesetzt. Genutzt hat es ihren Widersachern nichts.

„Ich bin immer noch da“, sagt die streitbare 73-Jährige, die sich immer wieder zu Wort meldet, wenn ihr etwas gegen den Strich geht. So wie im Sommer 2015, als die Diskussion über eine zweite Straßenröhre durch den Gotthard aufkeimte. „Wenn wir sie bauen, wird der Gütertransport nie und nimmer auf die Schiene wechseln und die Lastwagen werden mit ihren Abgasen unsere Lungen noch weiter verdrecken. Man verkauft uns für dumm“, wurde die resolute ältere Dame seinerzeit zitiert und machte sich damit nicht nur Freunde. „Schreiben Sie ruhig, dass man mich mobbt!“ Wie lange sie sich dem Widerstand und den Anfeindungen noch aussetzen wolle? „Schauen wir mal“, nimmt Elena Ramelli, die hier oben längst zur Institution geworden ist, eher unbewusst eine verbale Anleihe beim „Kaiser“. Wirklich kämpferisch klingt das nicht.

„Spätestens dann also bis zum nächsten Jahr“, verabschieden wir uns. Aber die bange Sorge, eines Tages auf den Pass zu kommen und vergeblich nach dem roten Container Ausschau zu halten, wird immer spürbarer. „Ich bin müde“, sagt die 73-Jährige wie nebenbei, drückt dem vor ihr stehenden Kunden Wurst und Wechselgeld in die Hand und wendet sich schon wieder dem nächsten zu. So, als wäre alles wie immer.

Rolf Lehmann

 

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