Ein imposanter Auftritt – die Honda Goldwing

Honda Goldwing – Schwungvoll durch die Lande

10. Juli 2015

Walsrode. Das Alter des Menschen, der es sich unter dem Integralhelm auf dieser Elefantenkuh unter der Motorrädern bequem gemacht hat, ist am ehesten an der Musikrichtung zu erkennen, die aus den vier Boxen schallt, wenn die sechs Zylinder im säuselnden Ton das Konzert nicht stören wollen. Ob Maria Hellwig, Motörhead oder Vivaldi, die Wahl des Sounds ist der Honda Goldwing aus dem aktuellen Jahrgang herzlich egal. Sie verbreitet ihr eigenes Flair und stellt damit nicht nur die Akustik in den Schatten. Das Gefährt auf zwei Rädern bringt nicht weniger als 417 Kilogramm auf die Waage und ist damit ein echtes Schwergewicht unter den Bikes. Was die Fahrer der Konkurrenzmodelle gern als fahrendes Wohnzimmer bezeichnen, ist tatsächlich die Belle Etage des Bikens. Keine Möglichkeit wurde offensichtlich ausgelassen, die Goldwing zum High-End-Produkt der Bequemlichkeit erwachsen zu lassen. Während unter dem wahlweise gewärmten Hintern des Fahrers (und auch des Mitfahrers) die sechs Zylinder in Boxeranordnung stattliche 118 Pferdestärken aus 1.832 Kubikzentimeter auf das Hinterrad projizieren, dürfen es sich die beiden aufsitzenden Personen mit einem gemeinsamen Maximalgewicht von 190 Kilogramm, was angesichts der Fastfoodlokal-Dichte kein unerheblicher Faktor ist, zum Genuss zurücklehnen. Den Fahrer überkommt bei der Komfortreise nicht selten das Gefühl, es fehle eigentlich nur noch ein Fernseher zum kompletten Glück, wobei die Natur damit nicht unterschätzt werden soll. Aber ein ähnliches Empfinden vermittelt der Fernsehsessel, in dem auf Bedienungsknöpfen die Stufen des Wohlbehagens dosiert werden können. Radio lauter stellen, Sender suchen. Tempomat einstellen, Navigationsgerät bedienen, Griffheizung, Frontscheibenneigung, Federbeinverstellung und diverse Annehmlichkeiten mehr können vom Fahrerplatz aus vorgenommen werden. Der Sicherheit wegen, werden diese teilweise nur im Ruhemodus ermöglicht. Und auch einen Rückwärtsgang kann der Fahrer einlegen. Eine lobenswerte Möglichkeit bei dem Lebendgewicht dieser japanischen Begleiterin, die gegen ein Naked Bike wie ein Sumo-Ringer aussieht. Die 50 Schalter, Druck- und Drehknöpfe an der Goldwing lassen erkennen, dass hier alle Register des Komforts gezogen werden können. Der Fahrer sollte sich nicht vom Gewicht der Honda Goldwing abschrecken lassen. Einmal in Bewegung, lässt sich das Bike mit dem Radstand von 1,69 Metern recht einfach über den Asphalt bugsieren. Lediglich in engen Kurven gibt die Goldwing zu erkennen, dass sie nicht dafür gebaut ist, Slalomwettbewerbe zu gewinnen. Aber alle vom außeralpinen Straßenbau gelegten Pisten sind von der Goldwing schnell gemeistert. Da gibt es keine Kurven, die ihr Schwierigkeiten bereiten. Wer mit beiden Beinen im Leben steht, wird zudem die große Honda vor einer Ampelanlage in Ruhestellung halten. Oft ist es nur die Angst vor der Angst, sie zu halten, die leichte Seitwärtsbewegungen ermöglichen. Aber selbst Damen, die ein Achtel des chrombesetzten Schmuckstücks wiegen, können mit dem 118 PS-Boliden gut klarkommen. Zum Rückwärtsfahren hat Honda den Startermotor auserkoren. Der erledigt seine Aufgabe unter leidvollen Klängen, ist aber wirkungsvoll in seiner Aufgabe. Die Kraft der sanften Gewalt aus dem Boxermotor wird natürlich von einer Kardanwelle übertragen. Die satten 167 Newtonmeter Drehmoment bei 4.000 Umdrehungen signalisieren schon, dass kaum Schaltvorgänge vonnöten sind, um problemlos durch den Verkehr zu schwimmen. Die fünf Gänge inklusive Overdrive sind völlig ausreichend und eine Einladung für alle Schaltfaulen. Die jeweiligen vier Buchstaben auf zwei Plätzen in angenehmem Leder gebettet, kann die Reise über hunderte von Kilometern beginnen, ohne auch nur Symptome von Druckstellen am Allerwertesten zu spüren. Und auch ein Integralhelm ist nicht unbedingt vonnöten. Hinter der großen Schutzscheibe reicht die handelsübliche Mückenmütze, die auch die Harleyfraktion schmückt. Durch das großzügige Raumangebot des Verstauens und Beschützens, fühlt sich der Fahrer nicht nur durch den Airbag und ABS auf der sicheren Seite. Er wird auch von kleinen Schauern nicht beeindruckt, da die Regentropfen nahezu komplett um die Goldwing herumgeleitet werden. So macht reisen Spaß, wenn es nur nicht so teuer wäre – Honda verlangt immerhin 32.255 Euro für dieses Hochgefühl.

Kurt Sohnemann

 

Daten: 6 Zylinder – Boxer – flüssigkeitsgekühlt – 1.832 ccm –  87 kW/118 PS bei 5.500 U/min – max. Drehmoment 167 Nm bei 4.000 U/min – 5-Gang, Kardan – 25-Liter-Tank – Länge 2.630 mm – Breite 945 mm – Leergewicht 421 kg –  Sitzhöhe 740 mm – Preis 32.255 Euro

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