Die Helfer in den Flüchtlingscamps sind bis an den Rand der Erschöpfung tätig

Helfer im Camp stoßen an ihre Grenzen

18. Oktober 2015

„Ihr seid so großartig! Ihr seid super! Einfach toll!“ – gebetsmühlenartig loben die DRK-Mitarbeiter die privaten Ehrenamtlichen, die sich in der Kleiderkammer an ihrer Seite seit Stunden nach Kräften für die Flüchtlinge einsetzen.

Egal, wo Leute gebraucht werden, ein (ganz) paar finden sich immer, aber leider viel zu wenige. So konnten die Helfer in der vergangenen Woche nicht nach Wunsch eingesetzt werden, sie wurden dort platziert, wo es gerade besonders „brannte”. Mal saßen sie in Vollschutz am Tisch, um mit Hilfe der vielen ehrenamtlichen Dolmetscher die Flüchtlinge im Camp zu registrieren. Mal sortierten sie Kleider- und Sachspenden, mal gaben sie die Spenden an die Flüchtlinge aus, gut bewacht durch das Security-Personal.

Das ist ungewohnte Arbeit, sie wühlt auf, sie strengt an, sie macht fertig. Aber sie bereitet auch Freude, denn das hier ist Dienst am Menschen in seiner ursprünglichsten Form. „Man kann sich nicht entziehen – das Geschehen schlägt einen derart in den Bann, man möchte einfach immer weiterhelfen!”, sagt Sabine (Namen sind alle geändert), die stundenlang Kinderkleidung sortiert und liebevoll einen kleinen syrischen Jungen einkleidet, der ein durchnässtes Paar Sommerschuhe trägt und nicht mal Strümpfe besitzt.

Doch mancher Helfer gerät auch an seine Grenzen – die Mangelverwaltung in der Ausgabe zerrt besonders an den Nerven. „Keine Herrenschuhe mehr in 41, 42 und 43”, lässt DRK-Mitarbeiter Stefan mitten in der Ausgabe verlauten, „wir müssen die Schuhabteilung schließen!” Dabei stehen die Flüchtlinge in langer Schlange seit Stunden vor der Tür, viele ohne Strümpfe und in kaputten Flipflops und das bei einstelligen Temperaturen und Dauerregen.

Die Ausgebenden sind angehalten, sich vor der Ausgabe die Schuhe der Flüchtlinge anzusehen: Sind sie nicht völlig desolat gibt es keinen Ersatz, denn manche Flüchtlinge kommen tatsächlich ganz und gar ohne Schuhe! Hier wird nichts verschwendet, nicht mal getragene Schuhe! Jede Spende wird sorgfältig eingesetzt. „Wir haben vielleicht sogar noch Männerschuhe im Keller, dort gibt es etliche Kartons mit Spenden!”, heißt es von Seiten der DRK-Mitarbeiter, „aber wir haben keinen, der sie dort heraussucht! Ich hab’ keine Leute!” Sie und die Johanniter-Kollegen vom Oerbker Camp stehen vor der schier unlösbaren Aufgabe, ein Camp für viele hundert Menschen aufzubauen und sind nach wochenlangem Dauerstress am Limit.

Manche haben in der Nacht nur drei Stunden geschlafen, weil um 0.30 Uhr ein Bus mit 84 Flüchtlingen aus München kam, die registriert werden mussten, darunter viele alleinreisende Minderjährige und alle hungrig, weil sie ohne Essen in den Bus gesetzt wurden. Der neue Arbeitstag beginnt trotzdem um acht Uhr. Die meisten organisierten Helfer haben für ihren Einsatz frei bekommen oder Urlaub genommen. „Ja!”, seufzt Miranda, der große Müdigkeit ins Gesicht geschrieben steht, „ein bisschen verrückt muss man schon sein, wenn man das hier tut!”

Was in Oerbke und Bad Fallingbostel gebraucht wird, ist Manpower – Menschen, die bereit sind, sich ohne Wenn und Aber auf Menschen in einer Ausnahmesituation einzulassen, die sich in das entstehende Camp einfügen und zupacken, wo Unterstützung gebraucht wird. Und die Helfer wünschen sich, dass nicht an den Bedürfnissen der Menschen vorbeigespendet und ein bisschen vorsortiert wird. Das spart viel Arbeit und Zeit und Zeit haben die ehrenamtlichen Helfer nicht. Nicht, so lange immer noch neue Flüchtlinge kommen, die quasi nur das mitbringen, was sie am Leibe haben.

Ulla Kanning

Während das Oerbker Camp mittlerweile durchstrukturiert ist, befindet sich das Fallingbosteler Camp noch im Aufbau. Hier werden Helfer dringend gebraucht (einfach an der Wache melden). Auch Spenden sind willkommen, vor allem Männerschuhe Größe 41 bis 43 sowie Damenschuhe Größe 38 bis 40. Dazu warme Kleidung in S und M sowohl für Frauen als auch für Männer. Auch Pflegemittel aller Art werden dringend benötigt.



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