Foto: Continental AG

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„Für uns war das ja täglich Brot“

16. September 2018

Schon vor 50 Jahren fuhr das erste fahrerlose Auto auf dem „Contidrom“ in Jeversen

Während heute das fahrerlose Pilotieren von Automobilen in aller Munde ist, hatte der Reifenkonzern Continental bereit vor 50 Jahren das erste Fahrzeug dieser Art entwickelt und auf der Strecke. Am 11. September 1968 ging auf der Teststrecke Contidrom in Jeversen das erste elektronisch gesteuerte fahrerlose Auto von Continental an den Start – begleitet von einer staunenden Öffentlichkeit. Bei dem visionären Projekt ging es eigentlich darum, wie Reifen wissenschaftlich exakt unter programmierten Bedingungen getestet werden können. Dabei sind die Continental-Ingenieure aber gleich an die Grenzen des damals technisch Machbaren gegangen und haben auf gewisse Weise den Weg für das Fahren in der Zukunft geebnet.
„Wir ziehen den Hut vor den Ideen und dem Pioniergeist unserer Ingenieure, die schon vor fünf Jahrzehnten ein fahrerloses Auto entwickelt haben. Sie haben damit einen beachtlichen technologischen Meilenstein in unserer an Innovationen reichen Firmengeschichte gesetzt“, würdigt der Continental-Vorstandsvorsitzende Dr. Elmar Degenhart die Leistung der damaligen Continental-Mitarbeiter. „Das fahrerlose Auto von 1968 zeigt ein kontinuierliches gemeinsames Ziel des damaligen Reifenherstellers Continental und des heutigen Technologieunternehmens Continental: die sichere, saubere und intelligente Mobilität der Zukunft.“
Die neuen Systeme für das fahrerlose Testfahrzeug wurden für Continental von Siemens, Westinghouse und Forschern der Technischen Universitäten München und Darmstadt entwickelt. Ein Leitdraht auf dem Fahrbahnbelag lieferte die Orientierung. Mithilfe von Sensoren erkannte die Elektronik im Auto, ob es noch auf Spur war und lenkte entsprechend automatisch nach. „Es war letztlich ein Auto, das auf einem Draht fuhr“, sagt Hans-Jürgen Meyer (78). Er war vor 50 Jahren als junger Ingenieur für die Entwicklung neuer Messverfahren für die objektive Beurteilung von Reifen zuständig. Sie ergänzte die bis dahin vielfach rein subjektive Beurteilung der Pneus. Am Fahrzeug angebrachte Messspulen erkannten ein Magnetfeld, welches von dem auf die Fahrbahn geklebten Draht ausging. Dieses System ermöglichte die präzise elektronische Steuerung.
In den Mercedes Benz 250 Automatik (auch bekannt als „Strich-Acht“) hatten die Ingenieure unter anderem eine elektro-mechanische Lenkung, eine elektro-mechanische Gasregulierung und die Funkeinrichtung für Messwert-Rückmeldungen eingebaut, damals absolute Spitzentechnik. An den Stoßstangen waren zudem mehrere Antennen montiert, im Kofferraum die Steuerelektronik und eine elektro-pneumatische Bremseinrichtung untergebracht.
Vom Leitstand am Rand der Teststrecke gingen Befehle über den Leitdraht ans Auto: Abbremsen, Beschleunigen, Hupen. Vorteil des völlig neuartigen Testsystems: Durch Ausschluss menschlicher Einflussfaktoren stieg die Präzision der Messwerte erheblich. Und die Kapazitäten des im Jahr zuvor eröffneten Contidroms ließen sich erstmals voll ausnutzen.
„Die Messtechnik steckte damals ja noch in den Kinderschuhen, vieles haben wir selber entwickelt“, erklärt Herbert Ulsamer (76), der 1965 als junger Fahrzeugbau-Ingenieur bei Continental seine Laufbahn begonnen und 2006 beendet hat. „Die Forschung & Entwicklung (F&E) bei Continental war da gerade im Umbruch“, erinnert er sich. Immer höhere Anforderungen an das Produkt Reifen erforderten intensivere Forschung und Testverfahren. Damals arbeiteten bei Continental insgesamt mehr als 1.000 Entwickler an neuen Gummimischungen, Reifenkonzepten und -profilen. Heute sind allein im modernen Campus in Stöcken rund 1.300 Ingenieure beschäftigt. Sie entwickeln neue Reifenmodelle für Autos und Nutzfahrzeuge sowie für Spezialfahrzeuge wie Gabelstapler oder Landmaschinen. Insgesamt arbeiten beim Technologieunternehmen Continental rund 44.000 Mitarbeiter in der Forschung und Entwicklung.
„Das E-Auto war für uns junge Ingenieure wie ein großes Spielzeug“, sagt Meyer schmunzelnd, als er anlässlich des Jubiläums auf dem Contidrom mit seinen damaligen Kollegen Ulsamer und Klaus Weber (81) lebhaft Erinnerungen austauscht. Das „E-Auto“ ist für die drei pensionierten Ingenieure nicht etwa ein modernes Elektro-Auto, sondern ihr „elektronisch gesteuertes Auto“. „Wenn man da mitfuhr, sah und hörte man ständig die Arbeit des Schrittmotors am Lenkrad, das klickte immer vernehmbar“, erinnert sich Meyer.
„Für uns als Werkangehörige war das Auto ja täglich Brot, aber für die Gäste aus aller Welt war das schon sehr beeindruckend und faszinierend, wenn da ein Auto ohne Fahrer unterwegs war. Die haben gesehen, dass Continental hier etwas ganz Außergewöhnliches macht!“

(pig/so)

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