In 150 Stunden zieht die Dampflok den Zug durch Sibirien Fotos: Grewe

Eiserner Pulsschlag auf 9.288 Kilometern

1. Januar 2017

Moskau. Der weiteste und längste Inlandsflug, den man auf der Welt unternehmen kann, führt von Moskau nach Wladiwostock. Doch seine achteinhalb Stunden sind ein Schnipp, verglichen mit den 150 Stunden Fahrzeit, die man für die 9288 Eisenbahnkilometer von dort zurück nach Moskau mit der „Transsibirischen Eisenbahn“ veranschlagen muss. Die Transsib feiert in diesem Jahr Geburtstag. Vor ziemlich genau hundert Jahren – im September 1916 – wurden die Bauarbeiten an der längsten Eisenbahnstrecke der Welt vollendet. Eine echte Pionierleistung, die von Zar Alexander III und seinem Sohn Nikolaus mehr als zwanzig Jahre zuvor geplant worden war, um Truppen schneller durch das Riesenreich zu bringen und neue Handelsrouten zu erschließen.

von Solveig Grewe

Unzählige für die Ruhmestat zwangsverpflichtete Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter ließen für den Bau ihr Leben. Trotzdem zaubert der Name „Transsibirische Eisenbahn“ bis in die heutige Zeit Glanz in die Augen der Menschen, die sich nach Orten sehnen, von denen sie eigentlich gar nichts Genaues wissen. Bei keiner Art des Reisens lernt man Land und Leute besser kennen als auf der Schiene. In Russland fährt vor allem derjenige Zug, der Geld sparen will oder muss und Zeit mitbringen kann. In der ersten Klasse des Linienzugs der Transsib liegt man zu zweit in einem Abteil, in der zweiten Klasse zu viert.

In der dritten Klasse, der sogenannten Platzkartny, teilen sich bis zu 54 Passagiere einen offenen Großraumwaggon, in dem man nicht eine Minute alleine sein kann. Die umständliche und sehr gründliche Prozedur der Fahr- und Platzkartenkontrolle in Wladiwostock ist endlich erledigt. Das holzgetäfelte Vierbettabteil bietet, zu zweit bezogen, auf den oberen Betten Platz für die persönlichen Gegenstände, die Trolleys passen in eine Nische direkt über der Tür. Neben den tagsüber als Sitzplätzen genutzten Betten vermitteln Vorhänge und Deckchen auf den kleinen Klapptischen einen Hauch von Heimeligkeit. Zwanzig mit Zahlen verbundene Ortsnamen auf einem Zettel im Abteil entpuppen sich nach einiger Überlegung als Haltestellen mit der vorgesehenen Verweildauer des Zuges. Um es den Passagieren einfacher zu machen, gilt auf der ganzen Strecke Moskauer Zeit, die Uhrzeiten auf den Bahnhofs- und Kirchturmuhren draußen werden für die nächsten zwei Tage einfach ignoriert. Im Zug vergisst man die Zeit – genauso wie eine warme Dusche. Eine Katzenwäsche am winzigen Waschbecken in der Toilette am Ende des Waggons muss sie ersetzen.

Der Rückweg von dort führt vorbei an dem Tag und Nacht bollernden, mit Kohle befeuerten Samowar, einer nie versiegenden Quelle für heißes Wasser für Tee, Kaffee oder Tütensuppen. Das rhythmische Klackern der Räder über die Bahnschwellen bildet den Pulsschlag der Reise auf einem Teilstück der Strecke nach Moskau. Draußen wechseln sich die weiß grün verschwimmenden Schemen von Birkenwäldern mit den Silhouetten bunter Holzhäuser ab. Das Lesen eines Buchs wird zum wunderbaren Ersatz für den ständigen Check des Smartphones. Ein Netz ist schon lange nicht mehr verfügbar.

Die Antwort auf die Frage nach dem Wann und Wo verliert sich mit jedem Kilometer. Der erste längere Stopp lockt hinaus auf einen Bahnhof, dessen Name beim Aussteigen schon wieder vergessen ist. Nicht dagegen die vorgesehene Dauer dieses Aufenthalts. Zwanzig Minuten. Das soll wohl reichen, um in der fahlen Mittagssonne den Bahnsteig einmal auf und ab zu schlendern. In umfunktionierten Kinderwagen karren Mütterchen mit bunten Kopftüchern frisch gebackene Piroggen und Obst an den Zug. Weiter hinten auf dem Bahnsteig in Richtung Dorf wartet eine junge Frau mit gebratenem Fisch und interessant duftendem Eintopf auf Hungrige. Die Geschäfte laufen erkennbar gut, das Essen im Speisewagen der Transsib ist für die meisten Reisenden zu teuer. Die Verständigung klappt mit den üblichen, in aller Welt verständlichen Gesten.

Das im Wind flatternde Fähnchen der Schaffnerin ist unerbittlich – und gut für das schnelle Geschäft: Alle umgehend einsteigen. Das Restgeld muss der Einfachheit halber an Ort und Stelle bleiben. Der Zug fährt auf die Sekunde pünktlich ab. Immer. Wer zurückbleibt, muss den nächsten nehmen und das kann länger dauern. Am späten Nachmittag dann Ankunft in Ulan Ude, der Hauptstadt von Burjatien, einer autonomen Republik der Sowjetunion und Heimat mongolischer Nomadenstämme. Willkommen im Innersten von Asien! Das Licht der Sonne scheint heller. Die Hitze ist real, die Sommer sind hier heiß und kurz, gefolgt von langen und eisigen Wintern. In Ulan Ude treffen sich die Transsibirische und die Transmongolische Bahn, die über Ulan Bator weiter nach Peking führt. Das Wort hat hier die Stadtführerin Larissa, deren perfektes Deutsch noch mehr überrascht, als es von einen fröhlichen Lächeln um die fein gezeichneten mandelförmigen Augen und den hohen Wangenknochen begleitet wird. Der Bau der Eisenbahn lockte anfangs auch viele deutsche Händler in das einstige Kaff, von dessen Aufschwung viele Herrenhäuser der alten Großhändler-Clans zeugen, erklärt sie auf dem Weg durch die Stadt.

Holzschnitzereien und Steinornamente sind stumme Insignien des alten Geldadels. Ulan Udes größte Attraktion aber ist Lenin, genauer: der mit einer Höhe von knapp acht Metern und einem Gewicht von 42 Tonnen weltweit größte Kopf des Revolutionsanführers. Wie zum Trotz wartet im Bahnhof von Ulan Ude der luxuriöse „Zarengold“-Sonderzug auf die Gäste, die hier aus dem Linienzug der Transsib umsteigen und über die alte Trasse entlang des Baikalsees weiterreisen. Die Zarengold-Zugabteile sind klimatisiert, schön dekoriert mit Liegeflächen in nostalgisch anmutendem rotem Samt, es gibt eine eigene Toilette und einen großzügigen Duschraum. Am Baikalsee, mit 1600 Metern der tiefste und kälteste See der Erde, geht es auf eine eingleisige Nebenstrecke ab, auf der die Gäste auf der Diesellok draußen vorne auf einer Plattform neben dem dröhnenden Motor mitfahren können. Mit etwas mehr als 30 Stundenkilometern tuckert der Zug am Ufer des tiefblauen Sees entlang, vorbei an verschlafenen Schaltstationen, bunten Holzhäusern und Campern in der Wildnis. Das alles macht es aus, dieses Sibirien, aber Sibirien ist noch mehr, unendlich viel mehr…

Infos: Es gibt sehr viel Sibirien. Mit rund 13 Millionen Quadratkilometer Fläche wäre Sibirien für sich genommen der größte Flächenstaat der Erde – größer als die USA oder Kanada, bei gerade mal drei Einwohnern pro Quadratkilometer ist es jedoch sehr dünn besiedelt. Elf Zeitzonen gibt es von Moskau im europäischen Westen bis zur Halbinsel Kamtschatka im Fernen Osten. Die Russische Föderation ist ungefähr 30-mal so groß wie Deutschland. Marktführer Lernidee Erlebnisreisen gilt als der erfahrenste Veranstalter für Transsib-Reisen. Die Fahrt auf der Transsib kann man mit dem Linienzug oder mit dem Zarengold-Sonderzug unternehmen. Dieser hat nicht nur die abwechslungsreichere Route – mit einer exklusiven Fahrt auf der Panorama-Trasse am Baikalsee – sondern verfügt auch über sechs unterschiedliche Abteil-Kategorien: vom einfachen 4-Bett-Abteil über die Kategorie Nostalgie-Komfort bis hin zu den besonders komfortablen Bolschoi-Abteilen mit privatem Bad. In gemütlichen Restaurantwagen kann man landestypische Spezialitäten und bei Vorträgen und Folklore-Darbietungen Wodka und Kaviar probieren. Infos zum Mythos Transsib und über die Reisemöglichkeiten zum Jubiläum: www.transsibirische-eisenbahn.de und www.lernidee.de/transsib sowie der große Katalog „Die Welt per Zug entdecken 2017“ unter www.lernidee/kataloge.

 

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