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Eine „fliegende“ Lokomotive

17. November 2019

Die neu erworbene Dampflok soll Passagiere in zwei Jahren von Altenboitzen bis nach Walsrode bringen

„Es ist wie bei einem Bausatz“, erklärt Carsten Recht, ehrenamtlicher Geschäftsführer der Böhmetalbahn, während er beobachtet, wie die Einzelteile einer antiken Lokomotive mithilfe eines großen Krans langsam auf die Schienen herabgesenkt werden. Führerhaus, Kessel, Rahmen und Triebwerk: Für den Transport aus England wurde die Lok in ihre Einzelteile zerlegt und soll in den kommenden zwei Jahren wieder funktionstüchtig gemacht werden.
Schon seit fünf Jahren bietet die gemeinnützige Unternehmergesellschaft Böhmetalbahn Lokomotiven-Fans auf der stillgelegten Bahnstrecke zwischen Walsrode und Verden nostalgischen und authentischen Museumsbetrieb. Bisher sind dabei nur Diesellokomotiven im Einsatz, doch Carsten Recht und seine fleißigen Helfer arbeiten stets daran, ihr Angebot auszubauen. Vor einem Jahr hatte deshalb die Suche nach einer Dampflok begonnen, die auch für die besondere 600 Millimeter große Schmalspurbahn geeignet ist. Reimer Eisenberg, Direktor des Hotel Anders, hatte sich für das Projekt besonders eingesetzt und bei der Organisation geholfen, erzählt Carsten Recht. Außerdem habe das Projekt für die Anschaffung der Lok Fördermittel aus dem europäischen Programm zur „Förderung der Entwicklung im ländlichen Raum“ erhalten und wurde von der Kreissparkasse Walsrode unterstützt. So konnten letztlich auch die 50.000 Euro für den Kauf der 92 Jahre alten Lok, die unter der Nummer 11309 von Orenstein & Koppel gebaut wurde, aufgebracht werden.
Bei der Dampflok handelt es sich um ein ganz besonderes Exemplar – weltweit gibt es inzwischen nur noch zwei betriebsfähige Lokomotiven dieser speziellen Bauart. Eine davon ist im Frankfurter Feldbahnmuseum im Einsatz, die Zweite nennt nun die Böhmetalbahn ihr eigen. Entwickelt wurde die spezielle Bauart während des Ersten Weltkriegs für die scharfen Kurven auf der sogenannten Heeresfeldbahn. Mit fünf Achsen, zwei Zylindern und 90 PS war die Lok damals die Leistungsstärkste ihrer Art. Das Exemplar, das nun in Altenboitzen ein neues Zuhause gefunden hat, wurde im Jahr 1927 in Deutschland für eine Zuckerfabrik in Argentinien hergestellt. Bis 2003 war die Dampflok dort auch im Einsatz, ehe sie anschließend ein Sammler aus Canterbury erwarb. Vergangene Woche stand für die alte Lokomotive dann die Reise nach Altenboitzen an. Fast vier Tage dauerte es, bis sie aus dem Südosten Englands mit dem Lastwagen in ihrem neuen Heimatbahnhof ankam.
Bald könnte es für die Dampflok aber schon auf die nächste Reise gehen, denn es bedarf noch einiger Reparaturarbeiten, bis sie wirklich wieder funktionstüchtig ist. „Im Dezember kommt extra ein Ingenieur aus Tschechien, der sich den Kessel anschaut“, erzählt Recht. Ob die Reparaturen vor Ort erledigt werden können, oder ein Transport nach Tschechien nötig sei, bliebe bis dahin erst einmal unklar.
In zwei Jahren soll die antike Dampflok dann voraussichtlich in der Heide unterwegs sein. Bis dahin plant die Böhmetalbahn auch einen Ausbau der Eisenbahn-Strecke. Anstatt wie mit den Dieselloks nur bis Hollige zu fahren, soll es mit der neuen Dampflokomotive auf den alten Gleisen bis nach Vorwalsrode gehen. „Die Steigung, die es auf der neuen Strecke zu bewältigen gilt, wäre mit den Dieselloks gar nicht zu bewältigen“, erzählt Harald Bräuniger. Er ist selbst als Lokführer auf den Schienen unterwegs und Mitglied im kürzlich gegründeten Förderverein der Böhmetalbahn, der sich in Zukunft für den Erhalt des Projekts einsetzen wird. Bräuniger ergänzt außerdem, dass mit der neuen Lok auch Platz für mehr Passagiere geschaffen wird. Die leistungsstärkere Lokomotive könne fünf Wagen gleichzeitig ziehen – momentan seien es nur drei.
„Das man die Lok noch retten kann, grenzt eigentlich an ein Wunder“, sagt Recht. Er ist sichtlich zufrieden mit dem Zuwachs, den die Bahn bekommen hat: „Sie ist ein echtes Unikat.“ Dampflokfans müssen sich nun erst einmal gedulden, bis die alte Lok repariert und fahrtüchtig ist. Bis dahin sind die „Wilde Erika“ und „Willem“ aber weiter zwischen Altenboitzen und Hollige unterwegs.
Vom 1. bis zum 15. Dezember wird es außerdem erneut die beliebten „Nikolausfahrten“ geben, für die auch noch Tickets erhältlich sind. Die Fahrkarten für das echte Highlight für große und kleine Eisenbahnfreunde können online auf der Website der Böhmetalbahn oder bei der Tourist-Information der Vogelpark-Region in Walsrode erworben werden.

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