Der 84 Meter hohe Ijzerturm in Diksmuide und davor die Ruine des ersten Baus. Foto: Kießler

Durch Flandern auf dem Wasser – 100 Jahre danach

26. Juni 2016

Nieuwpoort. Mit einem geräumigen Minivan sind wir zu einer Bootsbasis in Belgien gefahren, um von dort gemütlich ins küstennahe Land zu tuckern: ein Geheimtipp. Aber dann hat uns der Krieg eingeholt, genauer: die unausweichliche Erinnerung an die Schrecken des 1. Weltkriegs. Anfangs war alles wie schon so oft: Die freundliche Besatzung im Freizeithafen von Nieuwpoort an der belgischen Nordseeküste übergab uns das Hausboot.

Der Monteur warnte uns bei der Einweisung vor dem Verstopfen der Toiletten, erklärte, dass vor drei Schleusen und zwei Hubbrücken Richtung Ieper rechtzeitig Telefonkontakt mit den Wärtern aufgenommen werden muss. Eine Schleuse des angepeilten Rundkurses wird gerade instandgesetzt – also hin und zurück die gleiche Strecke.

Das ist nicht schlimm, denn auf dem Rückweg sieht man bekanntlich alles aus der entgegengesetzten Richtung und macht vielleicht einen Halt an einer Stelle, an der man auf dem Hinweg vorbeigefahren ist, weil es zeitlich nicht so richtig passte. Bedauerlich: Unterwegs mitten in der Natur am Ufer festmachen – etwa in Frankreich selbstverständlich – gilt in Belgien als wildes Campen und ist verboten.

Es bleiben also die kostenpflichtigen Häfen in Diksmuide und Ieper – beides malerische Städte, deren Innenstädten man ansieht, dass hier einst die Tuchmacherei und der Handel damit Geld in die Gegend brachten. Aber: Keine der eindrucksvollen Bauten verschiedener Epochen ist älter als 100 Jahre! Wie das? Weil im 1. Weltkrieg hier ein sinnloser Stellungskrieg tobte, bei dem hunderttausende Soldaten regelrecht verheizt und beide Städte dem Erdboden gleichgemacht wurden. Kirchen, Rat- und Bürgerhäuser sowie die riesigen Tuchhallen in Ieper (deutscher Name: Ypern) sind alle rekonstruiert worden – die letzten in den 1960er Jahren. „Nie wieder Krieg!“ liest man hier und dort – schön wär’s.

So versucht man sich denn als Besucher, mit belgischen Spezialitäten abzulenken, zum Beispiel mit den landestypischen Fritten, die natürlich nicht anders als anderswo schmecken. Das mehr oder weniger starke Bier mit verschiedenen Aromen ist Geschmacksache – es gibt tatsächlich auch welches, das nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut wird. Bei den Pralinen geht der Daumen einmütig nach oben. Das Revier zwischen Nieuwpoort und Diksmuide auf dem trägen Küstenflüsschen Ijzer ist ruhig – keinerlei Frachtschifffahrt und nur ein paar Ausflugsdampfer. Vom Oberdeck aus schaut man über den Damm in eine ländliche Ebene.

Später auf dem nach Ypern abzweigenden Kanal wird die Natur am Ufer üppiger und die Vogelwelt reicher: Die Reiher haben sich offenbar ihre Uferreviere eng abgesteckt, Haubentaucher und Kormorane begleiten einen über und unter Wasser, brütende Blesshühner sitzen unerschütterlich auf ihren schwimmenden Nestern. Der Wasserweg ist nicht mit den teilweise schnurgeraden französischen Kanälen zu vergleichen, ähnelt eher einem Fluss, der sich hin und wieder verbreitert. An den beiden Schleusen nimmt ein freundlicher Wärter die Leinen entgegen, der ebenso wie der Hafenmeister in Ypern und sein Kollege in Diksmuide der deutschen Sprache mächtig ist.

Wir sind hier in Flandern, dem nördlichen Teil von Belgien, in dem Flämisch gesprochen wird, eine leichte Abwandlung des Niederländischen. Mit den französisch sprechenden Wallonen im Süden des Landes ist man sich nicht recht grün.

Ein Passant in Diksmuide erzählt uns mit gedämpfter Stimme, dass die Sprengung des ersten Ijzerturms, eines Mahnmals für die umgekommenen belgischen Soldaten im 1. Weltkrieg, im Jahre 1946 bis heute ungeklärt sei und womöglich den Wallonen in die Schuhe geschoben werden kann. Vom Anleger ins Diksmuide schaut man unmittelbar auf die Ruine am anderen Ufer und den 84 Meter hohen Neubau dahinter, in dem ein Museum eingerichtet wurde. Wer sich lieber den schönen Dingen des Lebens widmet, ziehe sich an Bord zurück, um die eben in der nahen Zuckerbäckerei erworbenen Törtchen zu genießen.

Dr. Bernd-Wilfried Kießler

Informationen: www.leboat.de



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