Fotos: Sohnemann

Die Gäste mit in die Naturverbundenheit nehmen

1. Juli 2018

Mit seinem Konzept ist Schenna in Südtirol ein Vorzeigeort geworden

Kaum jemand charakterisiert die Bewohner des ursprünglich kleinen Ortes Schenna so sehr wie Sepp Gamper. Nicht etwa, weil ohnehin jeder zehnte Einwohner Sepp heißt. Es ist eher die ungewöhnlich risikobereite und erfinderische Einstellung zum Leben des Bergbauern, der mittlerweile einer der beliebtesten Hoteliers in dem 3.000-Seelen-Ort ist. „Jetzt habe ich 700.000 Euro aus einem Förderprogramm bekommen und hoffe, dass meine Rechnung aufgeht. Wenn nicht, ist das auch nicht schlimm“, lässt er in seine finanziellen Planungen blicken. Das Geld hat er zugesagt bekommen, weil er eine Maschine erfunden hat, mit der er in den extremen Hanglagen das Getreide mähen und dreschen kann.

Dabei steht er am Holz-Backofen auf 1.800 Meter Höhe und wartet darauf, das Tiroler Brot aus dem Rohr zu ziehen.
Selbstverständlich ist der Backofen selbst gebaut. Eigentlich ist der gesamte Bauernhof eine einzige Baustelle, weil der Sepp immer wieder Ideen hat, mit denen er die Gäste auf der Taser Alm verblüfft. Die Stallungen in der südtiroler Höhenluft sind jetzt gefliest, riechen nach Zirbenholz, wobei die Anschlüsse für elektrische Geräte einzig mit Lüsterklemmen versehen, aus den Wänden ragen. Die Idee wächst. In wenigen Monaten soll hier aus dem eigenen Getreide des Hofes Brot gebacken werden. „Wir haben dafür hervorragendes Getreide und die ersten Ergebnisse sind überragend“, erklärt ein Bäcker, den der forsche Sepp, wie ihn alle in Schenna nennen, eingestellt hat. Die Rohlinge für die Brote gehen mithilfe der Hefe in einer umfunktionierten Kühlkammer, die jetzt zu einem Klimaraum mit konstant 30 Grad wurde, so auf, dass sie backfertig sind. Man muss sich eben zu helfen wissen. Einen Elektriker braucht der Sepp nicht. Wer auf 1.800 Metern ein Großteil seines Lebens verbringt, muss flexibel sein. „Da darfst Du nicht zwei Tage auf einen Elektriker warten müssen. Das musst Du selbst können“, ist der Daniel Düsentrieb von Schenna überzeugt

Während dann die Ernten aus den Höhenlagen Südtirols von Sepp Gamper zu Broten mit würzigen Kräutern der Region in ursprünglicher Arbeit umfunktioniert werden, die Gäste des Ortes aktiv an dieser Entwicklung teilhaben dürfen, haben die Hoteliers im Dorf schon längst neue Maßstäbe für einen aktiven Urlaubsort gesetzt. Schenna ist ein perfektes Beispiel harmonischer Zusammenarbeit von Tourismus und dem Schutz der Natur. „Die Natur ist die wesentliche Komponente unserer Stellung als Urlaubsort“, stellt Priska Weger fest. Sie wird zwar von einigen Einwohnern Schennas despektierlich als „Kräuterhexe“ bezeichnet. Das begründet sich aber weitgehend in ihrem umfangreichen Wissen über die Heilwirkung von Kräutern.
Priska Weger hat auf dem „Oberhaslerhof“ der von ihrem Sohn auf den Verkauf von Kräutern und veredelten Produkten spezialisiert wurde, häufig Besuchergruppen zu Gast, die sich über die Wirkungen von Kräutern informieren lassen. Dabei versteht es die attraktive Bäuerin, ihre Zuhörer in ihren Bann zu ziehen. Selbst probieren, einen Barfußpfad erleben und die Philosophie der Bauernhöfe im Zeichen des „Roten Hahns“ zu verstehen, gehört zu den Erlebnissen, die für die Gäste aufbereitet werden.
Die Bürger von Schenna haben in den vergangenen Jahrzehnten bewiesen, dass sich eine Ortschaft im Einvernehmen mit der Natur rasant entwickeln kann. Mittlerweile können die 3.000 Bewohner von Schenna die Einwohnerzahl ihres Ortes verdoppeln, wenn alle Gästebetten gefüllt sind. Dabei wirkt das Dorf nicht überlaufen, denn die Wanderwege und Radlerstrecken um Schenna ermuntern die Besucher zu Aktivitäten innerhalb der Natur, die mit Begeisterung aufgenommen werden. „Seit es E-Bikes gibt, hat die Schar der Radler merklich zugenommen“, verstellt Franz Dapra gerade einen Sattel für eine E-Bike-Fahrerin im Rentenalter. Diese traut sich aufgrund der Stromunterstützung von Fahrrädern wieder auf die Bikerpisten, die beispielsweise entlang des recht wilden Flusses Passer führen. Franz Dapra hat sich während der rasanten Entwicklung des Tourismus in Schenna um einen stattlichen zweirädrigen Fuhrpark gekümmert, der reißenden Absatz für die tageweise Nutzung findet.

Schenna darf getrost als Vorzeigeort in Südtirol bezeichnet werden, in dem der sanfte Tourismus eine erfolgreiche Stellung eingenommen hat. Der Anbau von Äpfeln und Wein ist ein weiterer Wirtschaftszweig. Der fügt sich aber harmonisch in die vielseitige Erlebniswelt des Ortes ein.

Wer Schenna besuchen möchte, findet eine breite Palette von Aufenthaltsmöglichkeiten vor, die sich über alle Kategorien der Hotelangebote erstreckt. Optimal kann der südtiroler Ort erreicht werden, wenn die Gäste per Bahn oder Flugzeug bis München reisen. Dort werden sie von einem Bus abgeholt, der das Zentrum von Schenna ansteuert. Die Abholfahrer der Hoteliers warten dort bereits auf die Neuankömmlinge.

Kurt Sohnemann

 

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