Fotos: Sohnemann

Die beschwerlichsten Wege für Goethe und Hannibal nacherleben

5. August 2018

Vom Tegernsee aus die Alpen zu Fuß überqueren und dabei die landschaftliche Schönheit genießen

„Seht mal, ich habe den Führer aus dem Fernsehen mitgebracht“, tönt der Westerländer seiner Gruppe entgegen, als er mit Georg Pawlata die Terrasse des Zielhotels betritt. Tatsächlich hat Georg Pawlata unter den eingefleischten Wanderern mittlerweile einen Status wie einst Luis Trenker erreicht. Über seine Entdeckung eines neuen Wanderweges über die Alpen wurde bereits im TV berichtet, was eine ungeahnte Resonanz nach sich zog. Der Innsbrucker hat den Weg entdeckt, auf dem bereits Johann Wolfgang von Goethe und Hannibal über die Alpen gezogen sind. Es kann aber auch sein, dass es ein anderer Pfad war, er hat jedenfalls einen Weg erschlossen, der es den Wanderern möglich macht, die Alpen zu Fuß zu überqueren. Sie nutzen diese Möglichkeit bereits zu Tausenden, ohne dass der Weg dadurch übervölkert wäre. Er ist durch seine landschaftliche Schönheit und die abwechslungsreiche Wegstrecke zu einem der beliebtesten Wanderwege geworden und gleicht einer Pilgerreise.

Wie nicht anders zu erwarten, führt der Wanderpfad die mit festem Schuhwerk ausgerüsteten Deutschen aus den Gefilden des idyllischen Tegernsees über das Karwendelgebirge bis in das Eisacktal nach Italien. 184 Kilometer stehen auf dem Streckenplan und sollten den Wanderer nicht erschüttern, denn das Gepäck wird auf dieser gut organisierten Strecke von Bussen zu den nächsten Herbergen gebracht, die sich die Wanderer im Vorfeld aussuchen. „Man muss auch nicht alle Etappen wandern, sondern kann sich auch welche aussuchen. Das entscheidet der Wanderer je nach Zeitplan und Anspruch“, erzählt Georg Pawlata, wobei nahezu alle Pilgerer auch alle sieben Etappen in Angriff nehmen. Diese sind leicht bis mittelschwer gehalten, damit ein möglichst breites Spektrum an Interessierten angesprochen wird.
Der ausgebildete Bergführer Pawlata hat nicht nur die Leichtigkeit der Strecke in den Vordergrund gesehen, er hat auch der Schönheit der Landschaft einen exponierten Platz eingeräumt. Manchmal sind es Salamander, die den Bergwanderern über den Weg laufen, Kühe, die ein oder andere Gams oder auch die Vielfalt der Flora begeistert bei Auf- und Abstieg. Während das Tal um Gmund und Tegernsee noch zum Baden in dem malerischen Gewässer animiert, wird es einige Etappen später bei der Überquerung des Alpenkamms schon etwas kühler, sodass die Empfehlung nach zweckmäßiger Kleidung die Ohren nicht verfehlen sollten. Spätestens nachdem die Wachstumsgrenze der Alpen überstiegen ist, die Gastronomie im Pfitzerjochhaus in 2.275 Metern Höhe alle Register der Hausbar zieht, ist die Stimmung auf dem Höhepunkt. Immerhin sind knapp 1.500 Höhenmeter überwunden, die dann in Italien seicht bergab führen und in der malerischen Stadt Sterzing enden.

Der malerische Wanderweg ist gut durch Wegweiser gekennzeichnet, auf denen der große „Ü“ als Zeichen für „Alpenüberquerung“ die Richtung vorgibt. Die Wege sind bei normalem Wetter gut zu gehen, werfen aber bei Eis und Schneefall (das passiert auch schon mal im Sommer) ihre Probleme für den einen oder anderen Delegierten aus der norddeutschen Tiefebene auf. Hier ist aber vorgesorgt. Die Wanderpunkte, an denen sich die Streckenmarschierer ihre Stempel abholen können, sind grundsätzlich mit fachkundigen Menschen besetzt, die ihre Kenntnisse nicht für sich behalten. Auch die Hoteliers oder Herbergseltern sind in die Wetterwarnungen oder –zustände eingeweiht, die letztlich den Spaß auf der Strecke bestimmen.

Auf den 184 ausgewiesenen Kilometern zu Fuß atmen die gehenden Gäste neben der Höhenluft den Duft der vielseitigen Blütenpracht, die vom Enzian bis zu den Alpenrosen reicht. Wasserfälle, klare Bergseen, Wälder von Zirben und Almwiesen mit einzigartiger Blumenfülle lassen die Herzen der Menschen höher schlagen, die sich mitten in der Natur am wohlsten fühlen. Der Charme der Alpendörfer von Deutschland bis Italien rundet das sportliche Vergnügen perfekt ab. Wer die „Alpenüberquerung“ angeht, darf nicht nur stolz auf seine sportliche Leistung sein, er wird schon während der Etappen von der Natur reichlich für seine Aktivitäten belohnt.

Kurt Sohnemann

Schlagworte:

, ,



Comments are closed.

Back to Top ↑