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Der Reichtum der unmittelbaren Natur in seiner schönsten Form

3. März 2019

Fischland-Darß-Zingst hat sich zu einem Publikumsmagneten für Puristen der Landschaft entwickelt

Unmittelbar vor dem Aussichtsturm starrt der Graureiher wie leblos in die Untiefen des Boddens, immer in der Hoffnung, einen der Fische zu erhaschen, die ihm für seine anspruchslose Figur reichen. In ungleich sicherer Entfernung äsen zwei Hirschkühe das erste zarte Grün des Monats Februar in sich hinein, wobei dem geneigten Koch auf der Beobachtungsplattform die Rezepte durch den Kopf schießen, in denen sich alles um Salzwiesenhirsch dreht. Auf dem Darß ist es vornehmlich Rotwild, das sich hier um die jungen Triebe und die schier unendlich nachwachsenden Gehölze kümmern. Das ärgert auch gar keinen Förster, weil der Wald sich in dieser Region selbst überlassen wurde. „Er darf wieder so sein, wie er ursprünglich war“, beteuert Heike Lawrenz. Sie ist Rangerin in dem Darß. Ihr Revier ist der Nationalpark, den sie gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen vor den Unarten der mehr oder weniger zivilisierten Bevölkerung schützt.

Wer sich auf den Wegen und an die Verordnungen hält, kann allerdings auf der Halbinsel eine Naturfülle genießen, die in Deutschland Seltenheitswert hat. Der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft ist zwar beachtliche 786 Quadratkilometer groß, davon sind aber nur 134 Quadratkilometer mit Erde bedeckt, der Rest ist Wasserfläche. Die großzügig angelegten Wander- und Fahrradwege (teilweise auch Reitwege) lassen sich ideal für das Durchpusten von Lunge und Atemwege nutzen, bieten aber auch für alle Sinne und Funktionen ein Erlebnis. Wind ist eigentlich immer an der Ostseeküste und er wird nach einer Weile schon gar nicht mehr wahrgenommen, wenn er nicht ungemütliche Beaufort-Stärken annimmt.

Ob um Prerow oder Wieck, beide Orte sind von ihrer vorbestimmten Lage in der Natur geprägt und haben sich entsprechend auf die Gäste ausgerichtet. Wer die Natur liebt, sollte die Küstenstreifen, die Boddenlandschaft und die nach der Wende eingerichteten unberührten Vegetationszonen genießen. Zingst ist eher das Ziel für Menschen, die sich einen Urlaub ohne Sonnenstunden am Strand nicht vorstellen mögen. Wer auch nur eine künstlerische Ader oder Sinn für das Schöne hat, wird vornehmlich in Ahrenshoop fündig. Mehr und minder begabte Künstler haben hier über das gesamte Jahr ihre Ausstellungen in einer Kulisse, die nicht besser für zweckbestimmte Filme geschaffen werden könnte. Dabei sollten auch die vielen anderen Orte der Halbinsel nicht vergessen werden, die sich nicht weniger liebevoll in das Gesamtkonzept einpassen, das vornehmlich von der Suche nach Ruhe bis zur Suche nach der inneren Mitte ausgerichtet ist.

Auch Kontraste werden von der Region Fischland, Darß, Zingst zugelassen. Ein Beispiel dafür ist der Regenbogen-Campingplatz in Prerow, der zu den meistfrequentierten deutscher Küsten zählt und im Sommer von nicht weniger als 6.000 Menschen heimgesucht wird. Unmittelbar an diesem Tummelplatz nackten und bekleideten Vergnügens schließt sich ein Vorzeigeabschnitt des Naturschutzes an. Einige Kilometer befestigter Wege und hölzerner Stege führen durch die Regionen, die vom Seeadler ebenso gern aufgesucht werden, wie der Campingplatz von der Fraktion der Wurstgriller.

Einen Einblick in die bewegte Vergangenheit der Halbinsel, auf der einst die Volkspolizei ein waches Auge über die Ostsee und des Schwimmens mächtige Staatsbürger hatte, gewinnen Gäste im Darß-Museum, das in Prerow ebenso gern aufgesucht wird, wie das Bernsteinmuseum. Bevor die Gäste sich auf die Suche nach Bestandteilen für ein eigenes Bernsteinzimmer machen, sollten sie sich Anregungen aus den Museen holen. Hier sind nicht nur die besten Bedingungen für Funde zu erfahren, auch Beispiele der verdichteten Harze können hier angesehen werden.

Dass Mecklenburg-Vorpommern zum beliebtesten Reiseland der Deutschen im vergangenen Jahr wurde, hat seine Gründe. Sie liegen aber nicht nur in der teilweise unberührten Natur. Sie sind auch Ergebnis der Bemühungen mit Augenmaß, die von den Tourismusverbänden vorgenommen wurden. Die Folge war eine vermehrte Nachfrage nach Urlaubsräumlichkeiten, die vom First-Class-Hotel bis zur Jugendherberge und den Campingplätzen reicht. Beliebt sind aber auch die Unterkünfte in den viele reetgedeckten Häusern, die den ursprünglichen Charakter der Region unterstreichen.
Kurt Sohnemann



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