Foto: Ellen Ersing

Der Name ist vielleicht ein Hörfehler

20. März 2016

Nächtigten einst inkognito unter dem Dach des historischen Rabenhofs: Friedrich der Große und Kaiser Josef II.

Als Weltkulturerbe zwischen den beiden Armen des Flüsschens Ill ist Straßburg ein beliebtes Ausflugsziel, und wenn die Rede auf die Stadt kommt, meint fast jeder, sie zu kennen. Doch birgt sie bis heute geheime Schätze, an denen die Masse der Besucher achtlos vorbei läuft, ja, sie nicht einmal wahrnimmt. Wenn man sich von Südosten, der Place d’Étoile mit ihren großen Parkplätzen, zu Fuß dem Zentrum nähert, überquert man kurz vor der Ill-Brücke die Place Corbeau. Auf Latein heißt corvus der Rabe, wovon das französische Wort corbeau abgeleitet ist.

Ein solcher schwarzer Vogel sitzt ganz unauffällig im Gemäuer am Rande des Platzes nahe der Durchfahrt zu einem Innenhof. Diesen Torbogen sollte man beherzt durchschreiten, denn dahinter eröffnet sich ein architektonisches Panorama aus Holz, Stein und Glas, wie man es in der Stadt nicht noch einmal findet: Wir stehen mitten im Rabenhof, französisch Cour de Corbeau.

Der verdankt seinen Namen womöglich einem Hör- und Schreibfehler, denn die Herberge, die hier ab 1528 Gäste empfing, hieß ursprünglich „Zum Rappen“. Das war gar nicht so weit hergeholt, denn das Haus diente als Poststation und verfügte über Stallungen zum Pferdewechsel. Wenn die Balken reden könnten, hätten sie einiges zu erzählen. Sie würden womöglich die allemannische Mundart des Elsässischen wählen, die dem Deutschen nahesteht, denn bis 1681 war Straßburg eine freie Reichsstadt im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Als der französische König Ludwig, der Vierzehnte, seine Macht bis zum Rhein ausdehnen wollte, besetzte er die Stadt mitten im Frieden.

Aus dem Rappen- wurde der Rabenhof, eine Unterkunft der gehobenen Art, in der sich die gekrönten Häupter die Klinke in die Hand gaben. Außer Prinzen, Herzögen, Kanzlern und Generälen stiegen der polnische König Kasimir im Jahre 1669 und Kaiser Josef von Österreich, der Zweite, anno 1777 hier ab. Majestät reisten inkognito an – der Kaiser unter dem Namen Graf von Falkenstein. Diese Eigenart teilte er mit dem aus deutscher Sicht berühmtesten Gast: Friedrich der Große, der dem Vernehmen nach besser französisch sprach als deutsch, quartierte sich als Comte Dufour ein.

Dass sich so viele hochmögende Besucher unter Pseudonym in die Gästeliste einschrieben, weckt bei den Historikern den Verdacht, dass womöglich im Rabenhof nicht nur bei Wein, sondern auch bei Weib gefeiert wurde. Friedrich der Große indes ist über diesen Verdacht erhaben, da er bekanntlich mehr dem eigenen Geschlecht zugetan war. Von ihm heißt es, er habe in Straßburg Voltaire getroffen und heimlich Manöver der französischen Armee beobachten wollen.

Die glorreiche Geschichte des historischen Rabenhofs endete in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Eisenbahn die Postkutschen verdrängte. Eine Glaserei und ein Betrieb, der mit Spitzen und Borten handelte, nutzten das Gebäude 130 Jahre lang. Der Verfall war sichtbar, obwohl das Haus schon 1930 in die Liste der historischen Monumente Frankreichs aufgenommen worden war. Schließlich machten sich zwei Straßburger Bürgermeister um seinen Erhalt verdient: Pierre Pflimlin, ein namhafter Verfechter des europäischen Gedankens, betrieb 1981 den Erwerb eines Teils des Ensembles durch die Stadt Straßburg; die langjährige Bürgermeisterin Cathérine Trautmann machte den Handel 17 Jahre später perfekt – sie war inzwischen Kulturministerin in Paris.

Aber jahrelang wusste niemand so recht etwas mit den historischen Häusern anzufangen, denn es war klar: Zur Instandsetzung würde man eine Menge Geld in die Hand nehmen müssen, und die kommunalen Kassen sind auch in Frankreich chronisch knapp. Endlich fanden sich Investoren unter der Führung der Straßburger Gastronomenfamilie Scharf. Offiziell hat die Restaurierung der geschichtsträchtigen Mauern fast 18 Millionen Euro gekostet, um nach zweijähriger Bauzeit im Jahre 2009 unter dem traditionellen Namen Cour de Corbeau als Vier-Sterne-Hotel wiedereröffnet zu werden. Nach langer Zeit kann man nun wieder unter jenem Dach schlafen, unter dem die erlauchtesten Häupter ihrer Zeit sich einst zur Ruhe betteten.

Dr. Bernd-Wilfried Kießler

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