Fotos: Axel F. Busse

Der eilige Kevin und die Kobolde von Cooley

3. April 2016

Für seine 71 Jahre ist Kevin Woods noch erstaunlich beweglich. „Kommen Sie“, sagt er mit einer einladenden Handbewegung, lässt sich auf alle Viere nieder und krabbelt los. Am Ende der etwa drei Meter langen Betonröhre beginnt das Wunderland. Er hat es geschaffen. Anderthalb Meter unter der Erde öffnet sich seine skurrile Fantasy-Welt der Leprechauns.

Die winzigen Wesen mit dem zungenbrecherischen Namen (gesprochen Lé-prè-chaun) gehören zur irischen Volks-Mythologie und sind etwa den Elfen, Gnomen und Kobolden gleichzusetzen, wie sie in der Sagenwelt Skandinaviens vorkommen. Während allerdings jene grenzübergreifend tätig sind und es ihnen an einer eigenen Nationalität gebricht, sind Leprechauns so ur-irisch wie das grüne Gras oder das schwarze Guinness. Und sie sind bedroht – sagt Kevin Woods. Wahrscheinlich wären sie schon längst ausgestorben, wenn es nicht Menschen wie ihn gäbe. Durch seine Bemühungen ist er dem Status einer lokalen Berühmtheit schon vor einiger Zeit entwachsen. Bis auf die Titelseite der Irish Times hat er es gebracht.

Die Leprechauns sind von gutmütigem Wesen, gewöhnlich trifft man sie am Ende des Regenbogens, dort, wo der Sage nach ein Sack voller Gold auf den Finder wartet. Die verschieden gekleideten Kobolde stehen für 15 unterschiedliche Charaktere, jeder einzelne symbolisiert bestimmte Eigenschaften. Als „Leprechaun-Flüsterer“ lässt Woods die Geschichten erlebbar werden und er gehört inzwischen zum touristischen Inventar der Halbinsel Cooley, wo das ehemalige Fischerdorf Carlingford dank des europäischen Förderprogramms „EDEN“ zum beliebten Anlaufpunkt für Wassersportler, Wanderer und Fahrrad-Urlauber geworden ist. Und wem nach einer Melange aus Fantasie, Märchen, geheimnisvollen Begegnungen und rustikalem Humor zumute ist, sucht Kevin Woods in der Ghan Road auf. Zu verfehlen ist die irische Leprechaun-Zentrale nicht: Eine etwa zwei Meter große Statue des Kobolds bewacht wie ein überdimensionierter Gartenzwerg das Grundstück des „Flüsterers“.

Der ehemalige Manager einer Tabak-Firma im benachbarten Nordirland macht bei den Treffen durchaus nicht den Eindruck, dass seine geistige Gesundheit in Gefahr wäre. Kräftiger Händedruck, breites Lächeln, verschmitzter Blick. „Ja, genau 236 von ihnen gibt es da draußen noch“, sagt er und deutet mit einer ausholenden Armbewegung den Berg Slieve Foye, der unmittelbar hinter Carlingford bis auf knapp 600 Meter aufsteigt. Dort an den Hängen erlebte Woods das, was er heute seinen Besuchern als eine Art Erweckungserlebnis beschreibt.

Danach war ihm seine Aufgabe klar: Als Beschützer und Bewahrer des festen (meist kindlichen) Glaubens an die Existenz der Leprechauns sollte er zum Hauptprotagonisten dieses Teils irischer Folklore werden. Die Frage, ob die Namensgleichheit mit dem irischen Nationalheiligen in Zusammenhang mit seinem Sendungsbewusstsein stünde, lässt ihn nur schmunzeln. Tatsache ist, dass sich auch Eltern der Kinder, die auf sein Grundstück kommen, gern in den Bann der obskuren Geschichten ziehen lassen.

Um der von ihm verwalteten Wunder-Welt eine erlebbare Bedeutungsschwere zu geben, verlegte Woods einen Teil seiner Aktivitäten in die Unterwelt. Vor ein paar Jahren erwarb er einen ehemaligen Lagerplatz für Signalbojen gegenüber seinem Grundstück und fing bald darauf an zu graben. Dass ihm dazu die behördliche Genehmigung fehlte, störte ihn nicht weiter. „Ungefähr ein Jahr lang war das illegal“, feixt er heute mit seinem Gesprächspartner, „aber dann hat das Bauamt wohl eingesehen, dass ich hier einen touristischen Anziehungspunkt schaffe“.

Die Höhle am Ende der Röhre ist etwa vier mal vier Meter groß und Erwachsene können bequem darin stehen. Mit viel Liebe zum Detail hat der Leprechaun-Flüsteter die kleinen Figuren platziert, zusätzliche Nischen gebuddelt, Lautsprecher installiert, mit farbigen Leuchten allerlei geheimnisvolle optische und akustische Effekte geschaffen sowie einige präparierte Vögel und Nager als „Bewohner“ eingesetzt. „Hier schauen Sie mal!“ Woods hält eine winzige Jacke und eine Hose in die Höhe. Das sind nicht etwa Puppenkleider, sondern ein Original-Leprechaun-Outfit. Seine Freunde in den Bergen hätten es ihm überlassen, erklärt er, damit er anschaulich von deren Leben berichten könne. Vor fünf Jahren hat er ihnen in seinem Buch „The Last Leprechauns“ ein literarisches Denkmal gesetzt.

Inzwischen hat Woods einige Mitstreiter im Ort um sich versammelt, die das Potenzial des Kobold-Kuriosums zur Pflege und Abgrenzung der lokalen Identität erkannt haben. Ihr vorerst größter Erfolg ist wohl, dass sie seit 2011 von einem „offiziellen Schutz der Europäischen Union für Irlands Leprechauns“ sprechen dürfen. Wie bitte? Märchenwesen als Proteges der als nüchtern und humorlos verschrienen EU-Bürokratie? Woods grinst erneut. Mit Fantasie und Chuzpe hätten sie es hinbekommen, Brüssel von der Schutzbedürftigkeit der Wichtel zu überzeugen.

Und irgendwie hat er sogar Recht. Die EU-Richtlinie Nr. 92/43/EWG des Europäischen Rates (FFH-Richtlinie = „Flora-Fauna-Habitat) dient „zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen“ und schützt seit 2011 auch die vielfältige Flora und Fauna im Cooley-Gebiet. Da auch die Leprechauns Bestandteil dieses Lebensraumes seien, so Woods Logik, sind sie natürlich auch von der EU geschützt.

Axel F. Busse

c

 

Irland1 Irland4 Irland3

Schlagworte:

, ,



Comments are closed.

Back to Top ↑