Foto: Biersack

Belebendes Gold im Gläsle

26. April 2015

Beim Whisky-Walk über die Schwäbische Alb fühlt man sich fast wie in Schottland

Deutschlands heimliche Whisky-Hauptstadt heißt Owen (gesprochen: Auen) und liegt zirka 40 Kilometer südöstlich von Stuttgart. Whisky schreiben die Owener übrigens ganz bewusst ohne e: „Schwäbische Sparsamkeit“, erklärt die Schwäbische Whisky-Botschafterin Angela V. Weis, als sie die Teilnehmer der Whisky-Wanderung am Bahnhof begrüßt. Manche glauben ihr. Von insgesamt 31 Brennereien im Ort werden an diesem Tage drei besucht.

Der Whisky-Walk beginnt dort, wo er eigentlich enden müsste: beim örtlichen Experten für Lagerung. Immanuel Gruel (27) ist selbst erst zwei Whisky-Leben alt. Sein Destillat nennt er „Tecker“ nach der Burg Teck in Sichtweite oben am Rande der Schwäbischen Alb. Gruels Großvater war der Pionier, der 1989 auf einer sagenumwobenen Reise nach Schottland auskundschaftete, wie aus Korn edler Whiskey heranreift.

Gleich im Eingangsbereich der Destille thront das kupferne Verschlussbrenngerät. Pro Brennvorgang dampft der Alkohol aus rund 1000 Litern Getreide-Maische, die fünf bis sechs Tage gären darf, durch die sogenannte Kolonne. Dieser Verstärker simuliert mehrfaches Brennen in einem Brennvorgang. Die komplette Prozedur dauert – abhängig von der Größe der Brennblase – in Gruels Destille zwei Stunden und ergibt letztlich 50 bis 60 Liter reinen Alkohol.

Doch Gruel, der nebenher noch einen Bauernhof betreibt, denkt nicht in Minuten oder Stunden: Das ursprünglich klare Destillat will noch mindestens drei Jahre in einem Holzfass ein- und ausatmen, damit man am Ende überhaupt von Whisky sprechen kann. Die gebrauchten und von innen getoasteten Bourbon-, Sherry-, Rotwein- und Cognac-Fässer, mit denen Gruel durch stetes Umlagern Geschmack und Komplexität des Whiskys komponiert, kosten 300 Euro und mehr. Seine Blechhütte (in Fachkreisen auch „Temperatur-Varianzlager“ genannt) ist gefüllt mit wertvollen Fässern. Das Biogetreide für seinen Whisky bekommt Gruel übrigens von einem Cousin geliefert, der auch in der Gegend schafft. Der „Tecker“ ist also komplett regional erzeugt – ein sogenanntes Slowfood-Produkt.

Ein paar Getreidefelder weiter – der Rohstoff für das flüssige Gold wächst direkt vor der Haustür – destilliert Thomas Dannemann seinen „Dannes“-Whisky zwischen der Burg Teck und einem geschwungenen Bergrücken, den die Owener liebevoll die „Bassgeige“ nennen. Hier wird eine andere Strategie gefahren: „Auf den Rohstoff und das Mälzen kommt es an“, erklärt der Pferdehofbetreiber. Mälzen ist das kontrollierte Keimen, noch bevor das Getreide als Maische in der großen kupfernen Brennblase destilliert wird. Auf jeden Fall riecht es gut: Alle Walker dürfen mal an dem gemälzten Roggen schnuppern, ehe der Whisky verköstigt wird. Eine extravagante Zutat schmeckt man sofort heraus, noch bevor „Danne“ das Wort erhebt: „Ich bin Deutscher, ich bin Schwabe und ich möchte deutsche Eiche.“ Damit meint er seine Fässer – grundgelagert wird Dannemanns Destillat in neuen deutschen Eichenfässern. Später dann lagert er es in Bourbon-Fässer aus amerikanischer Weißeiche um. Dannemann muss mit seinem Whisky gut haushalten: Bei der Abfindungsbrennerei ist die jährliche Alkoholproduktion streng limitiert. Auf die Frage, ob man davon leben könne, grinst Dannemann: „Nö, aber es macht Spaß!“ Und genauso schmeckt es auch.

Eine Tür weiter brennt Thomas Rabel in der „Owen“-Destille. Auch er schwört auf neue deutsche Eichenfässer. Aber hier ist es vor allem der Rohstoff, der seinen Erfolg ausmacht: Die Schwaben mögen offenbar den ursprünglichen Bio-Dinkel. „Und mir schmeckt’s auch“, sagt Rabel fröhlich. Neben dem Klassiker Single-Grain-Whisky produziert er also Schwäbischen Dinkel-Alb-Whisky. Und für ganz Süße hat er sich eine Spielerei einfallen lassen: schwäbischer Honig-Whisky. Wer gern rauchigen Whisky trinkt, hat auf der Schwäbischen Alb kein Glück. Der Torf, dessen Rauch den schottischen Whiskey manchmal nach gut abgehangenem Schinken schmecken lässt, steht im Biosphärengebiet unter Naturschutz.

Info: Termine für den Schwäbischen Whisky-Walk gibt es auf www.schwaebischer-whisky.com

Cordula Biersack

 

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