Foto: Sohnemann

Auf einen Besuch im Gewürzgarten Gottes

24. Juni 2018

Einige der begehrtesten Würzstoffe kommen von der Insel La Reunion

Eigentlich sollte der Blick auf die Schindelbauten im kreolischen Stil gerichtet sein, die die Ortschaft Hell-Bourg im Talkessel von Salazie prägen. Doch dann zeigt Katrin das erste Mal, dass ihr Zahnarzt beim nächsten Besuch den Sechser unten links gegen Karies behandeln muss. Mit offenem Mund steht die Besucherin der malerischen Ortschaft auf La Reunion vor einem Spinnennetz, deren Schöpferin unübersehbar in selbigem auf Beute wartet und die Größe eines kleinen Vogels erreicht. Die Starre der Betrachterin lässt merklich nach, als Freddy verkündet, es würde auf der französischen Insel im Indischen Ozean keine giftigen oder für Menschen gefährlichen Tiere geben. Freddy ist Fremdenführer und passionierter Musiker auf La Reunion.

Dieses 2.500 Quadratkilometer große Refugium für florale Maßlosigkeit gibt schon bei der Ankunft der Besucher auf dem Flughafen zu erkennen, dass es sich in dem subtropischen Klima nicht um eine ganz normale Vegetation nach europäischen Maßstäben handelt, obwohl die Insel aus Europa regiert wird. In ihrer wechselvollen Geschichte fiel La Reunion zwar einst in britische Hände, wurde aber später an die Franzosen zurückgegeben, die sie 1638 erstmals mit menschlichem Leben füllte. Heute sind es etwa 880.000 Einwohner, die auf La Reunion überwiegend vom Rohrzucker, dem daraus gewonnenen Rum oder auch von den exotischen Gewürzen und Früchten der Insel leben.

Während der Anbau und die Ernte von Zuckerrohr aufgrund der schwierigen geologischen Formationen weitgehend mit der Machete stattfindet und relativ unromantisch vonstattengeht, lassen Pflanzen wie Vanille, Guaven, Jackfrüchte, Chouchou oder Muskatnüsse und Victoria-Ananas Gourmets das Wasser im Munde zusammenlaufen. Schon der ehemalige Name der Insel Bourbon lässt auf die begehrteste Frucht der Insel schließen. Bourbon-Vanille zählt in den Küchen dieser Welt als eine besondere Delikatesse und wird auf La Reunion mittlerweile so gezüchtet, dass die Schoten der Orchideenfrucht nicht mehr ausgekratzt werden müssen. „Sie können die gesamte Schote vollständig verwenden. Sie besticht durch ihre unvergleichliche Intensität“, versichert Stani, der sich auf der eigenen Plantage um die Zucht, Ernte und natürlich die vielen Besucher kümmert, die Informationen haben möchten.

Diese anspruchsvolle Art der Orchideen erfordert eine einzigartige Geschwindigkeit der besonderen Art. Wer Vanilleschoten an den Pflanzen haben will, muss innerhalb eines halben Tages die Blüten mit technischer Feinfühligkeit und Fingerspitzengefühl bestäuben. Der Samen der männlichen Pflanzen wird von fingerfertigen Frauen dann in kürzester Zeit den weiblichen Blütenständen verabreicht. „An einem Vormittag schafft eine Frau es dann, bis zu 1.500 Blüten zu bestäuben“, beteuert Stani, der Mitbesitzer der 6-Hektar-Plantage ist.
Nur einmal pro Jahr blüht die Vanille-Orchidee jeweils einen halben Tag, dann ist Geschwindigkeit angesagt. Somit erklärt sich der Grund der angemessenen Preishöhe. Stani erklärt: „Nur die hochdekorierten Küchenchefs kaufen die echte Vanille, viele andere weichen auf Substitute aus industrieller Fertigung aus.“ Vanille Bleue heißt das Produkt dieser Kooperative mehrerer Landbauern von der Vulkaninsel. Erst durch das subtropische Klima wird das Wachstum der breitwurzelnden Pflanze möglich, die Schatten und hohe Temperaturen bei hoher Luftfeuchtigkeit benötigt.

Die Vanilleschoten, die den europäischen grünen Bohnen ähneln, werden nach dem Pflücken in grünem Zustand durch kochen und trocknen weiterbehandelt. Natürlich ist der Verarbeitungsprozess eines der Geheimnisse der Vanille-Kooperative im Süden der Insel. Was hier am Fuße des Vulkanes Piton de la Furnaise wächst, zählt zu den begehrtesten Gewürzen in Küchen, wie auch Curcuma von der Insel La Reunion. Auch wenn die Vorhersagen in aller Regel rechtzeitig vor Ausbrüchen des Vulkans warnen, können sie natürlich nicht verhindern, dass der Piton de la Furnaise ausbricht. Derzeit ist er wieder aktiv und könnte, wie schon 2007 Lava ausspucken und diese wie damals in fünf Kilometer breitem Fluß ins Meer laufen lassen. „80 Meter waren die Ströme damals tief“, erinnert sich ein Einheimischer.
Der höchste Berg der Insel ist allerdings der Piton des Neiges, den auf der Insel alle Einheimischen „Schneeberg“ nennen. Der Grund dafür ist, dass sich bereits einige Male Schnee auf der 3070 Meter hohen Spitze angesammelt hat. Das passiert bestenfalls in den Wintermonaten, die parallel zu den Sommermonaten in Europa wirken und die Temperaturen so gestalten, dass sie einem europäischen Sommer zur Ehre verhelfen würden. Selbst dann zeigt das Quecksilber selten weniger als 25 Grad Celsius an.
Kurt Sohnemann

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