Foto: Elikos

Foto: Elikos

Abheben zu den Zinnen

20. Mai 2018

Südtirol von oben / Im Hubschrauber über die Dolomiten

Schon die Anfahrt nach Pontives, einem Bergdorf am Eingang des Grödnertals, rund zweieinhalb Kilometer von St. Ulrich entfernt auf 1100 Metern Höhe, ist ein kleines Erlebnis. Die Straße schneidet sich durch die Bergmassive, windet sich in die Höhe. Dann kommt das kleine Gewerbegebiet in Sicht, in dem sich die Basisstation von Elikos befinden soll. Das Unternehmen bietet Hubschrauber-Rundflüge über die Dolomiten an.

Rotorengeräusche sind zu hören. Der Lärm schwillt an, wird zu einem Knattern und Heulen – direkt hinter einer Lagerhalle steigt ein blau-weißer Helikopter auf. Schnell gewinnt er an Höhe, das Knattern wird leiser, kurz darauf legt sich wieder Stille über die Kulisse. In der Lagerhalle, die sich auf den zweiten Blick als Hangar entpuppt, begrüßt uns ein freundlich strahlender, braungebrannter Anfang-Fünfziger: „Hallo, ich bin der Gabriel!“ Gabriel Kostner ist – gemeinsam mit Bruder Marco – Inhaber von Elikos.
Am Steuerknüppel des Helis sitzt Neffe Daniel. Sechs Fluggäste nimmt er für die große 50-Minuten-Tour mit an Bord. Wir setzen Kopfhörer auf, die nicht nur vor dem Fluglärm schützen, sondern auch der Kommunikation dienen. „Keine Angst“, verspricht Daniel auch dem achtjährigen Felix und seiner Mutter, „das wird toll!“ Schon heben wir ab. Die Nase des Helis senkt sich leicht nach vorn, binnen weniger Sekunden lassen wir die Basisstation und Pontives hinter uns. Es scheint, als wären wir gemächlich unterwegs. Almen, Täler und Dörfer sehen aus, als wären sie Teil einer realistisch nachgebildeten Modelleisenbahn-Kulisse. „Wir fliegen fast 250 Stundenkilometer“, sagt Daniel.

Schnell erreichen wir Kastelruth am Fuß der Seiser Alm. Die markante Kirche des Orts – immerhin mit Südtirols drittgrößtem Kirchturm – schaut aus der Luft wie ein Spielzeug aus. Weiter geht es über die Alm, die mit einer Fläche von etwa 8000 Fußballfeldern die größte Hochalm Europas ist. Dann taucht das markante Profil des Schlern-Massivs auf. Daniel hat zu jedem Dorf, jedem Gipfel und jeder Alm die passenden Geschichten parat. Etwa die von tanzenden Hexen auf dem Kalksteinmassiv des Schlern oder die vom Zwergenkönig Laurin zum Rosengarten. „Hier unten sind Teile der Serie ,Die Bergpolizei‘ mit Terence Hill gedreht worden“, erzählt Daniel, als wir über den Pragser Wildsee mit seinem blau-grünen Wasser gleiten.

Auch dunkle Seiten der Südtiroler Bergwelt zeigen sich während unserer Himmelstour: Wiederholt sind Schützengräben oder Tunnelöffnungen zu sehen, in denen sich Soldaten während des Ersten Weltkriegs verschanzt haben. „Es findet sich nach wie vor allerhand Ausrüstung, selbst Granaten oder Munition geben die Berge immer noch frei.“ Nach gut 20 Minuten tauchen die Drei Zinnen auf. Ein wenig scheinen sie sich an diesem Morgen noch zu zieren. Tatsächlich tauchen die Spitzen des Gebirgsstocks, dessen höchste Erhebung fast 3000 Meter misst, langsam aus den Wolken auf, die Sonne umschmeichelt die mächtigen Berge. Unten haben sich Wanderer bereits aufgemacht, die Berge zu umrunden.

Daniel erzählt, dass die Zinnen ihr Aussehen immer wieder verändern. „Das Dolomit-Gestein ist spröde und nimmt Wasser auf.“ Im Winter könne durch den Frost das eingedrungene Wasser immer wieder wahre Sprengkraft entwickeln und tonnenschwere Felsbrocken abbrechen. Wie am Einserkofel, wo im Oktober 2007 rund 60 000 Kubikmeter Stein gewordene Geschichte abgerutscht sind, aber glücklicherweise niemand verletzt worden ist. In Sekundenbruchteilen verschwand, was die Natur in Jahrmillionen aufgebaut hat. „So schön die Bergwelt ist“, sagt Daniel, „sie birgt auch immer Gefahren.“ Immer wieder weist der Pilot auf nahezu winzige Details wie kleine Hütten hin, die Bergsteigern im Notfall Schutz bieten.

Wir fliegen über den bekannten Wintersportort Cortina d’Ampezzo, über Langkofelgruppe, Fassatal und Marmolata, die „Cinque Torri“, den Naturpark Sennes-Fanes. Nach knapp einer Stunde landen wir wieder in Pontives. Gabriel Kostner erwartet uns. „Und? Hab‘ ich zu viel versprochen?“

Andreas Schmidt

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Foto: Schmidt

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