Foto: Sohnemann

Aarö – Etwas Kaiserzeit und viel progressiver Pioniergeist

2. Juni 2019

Wie eine optische Sperre liegt das Aarö-sund Badehotel vor dem Ziel, die Insel Aarö aufzusuchen. Es gibt wohl keinen Inselbesucher, der nicht schon einmal einen Blick hinter die gläserne Front dieses Prachtbaus mit Sicht auf die Ostsee geworfen hat. Spätestens, wenn der Zeitpunkt für ein außergewöhnliches Dinner auf dem Plan eines Paares oder einer Familie steht, gerät das Badehotel ins Rampenlicht der Dänen, die sich den Geschmackssinn bewahrt haben. „Weil wir jetzt eine Spitzenküche aufgebaut haben, ist das Restaurant zumindest an Wochenende sehr gut gebucht“, freut sich Hoteldirektor Hans Harvest. Er ist stolz auf das Bauwerk, das schon mehreren politischen Auseinandersetzungen standhalten musste, Kaiser Wilhelm als Lieblings-Badehotel diente und als Station für Postschiffe eine lange Zeit für die dänischen Machthaber unentbehrlich war.
Wenn schon der Außenbereich dieses markanten Wahrzeichens der kleinen Stadt Aarösund einen unwiderstehlichen Ausdruck ausübt, wird das Innenleben des Hotels die Vorstellungen noch toppen. Die Symbiose aus dänischer und der ursprünglichen preußischen Bäderkultur hatte es dem Reeder Hans Michael Jepsen derart angetan, dass er gleich mehrere dieser Bauwerke an der dänischen Ostseeküste kaufte und sie aufwändig restaurierte. „Allerdings haben wir unseren Charme der Kaiserzeit bewahren wollen“, lenkt Direktor Hans Harvest ein. Auch wenn es fließend heißes und kaltes Wasser in den Zimmern des Hotels gibt, sucht man vergeblich nach Fernsehern oder ähnlicher Elektronik. Hier hat die Vergangenheit ihren Platz bewahrt und verdeutlicht sich in der Ausstattung.
Wer sich in den Plüschsesseln niederlässt, ist dem Reeder Jepsen dankbar, dass er als Hobby die Bewahrung architektonischer Kulturgüter erwählt hat. Die Gäste haben vornehmliche Plätze an den Glasfronten, durch die eine pendelnde Fähre von Aarösund zur kleinen Insel Aarö zu sehen ist. Während diese Insel vor wenigen Jahren noch touristisch wenig bedeutend war, die Bewohner des Eilandes noch ein zurückgezogendes Leben führten, hat sich das Blatt mit jener Dynamik gewandelt, die von den Inselbewohnern heute an den Tag gelegt wird. Wie auch die weitaus bekanntere Insel Aero hat sich Aarö nicht nur die Namensähnlichkeit zu Nutze gemacht, ein „Speedwedding“ anzubieten. So wird die kleine Inselkirche so manches Wochenende für Blitzhochzeiten genutzt, was den Inselpfarrer so manches Mal an die Grenzen seiner Belastbarkeit bringt. „Der führt seine Handlungen in aller Regel mit einem großartigen Humor durch“, erklärt Marianne Weiman von Brummers Gard, dem größten Restaurant dieser 5,7 Quadratkilometer kleinen Insel im Kleinen Belt.
Dass Marianne Weiman von den 155 Einwohnern auf der dänischen Ostseeinsel eine herausragende Stellung einnimmt, verrät schon ihr engagierter Umgang mit der Entwicklung der Insel. In der Rolle einer verkappten Bürgermeisterin setzt sie immer wieder Zeichen für die wirtschaftliche Entwicklung, bietet den Gästen von „Brummers Gaard“ neben dem Restaurant und Hotelzimmern auch Kräuterwanderungen und Kochkurse. Ihr Engagement hat die Gästezahlen auf der Insel innerhalb weniger Jahre hochschnellen lassen.
Einen nicht unwesentlichen Anteil daran haben aber auch der Winzer Jakob Lei und Bierbrauer Ole Dam. Nachfahren der Wikinger sind nun einmal keine Kostverächter alkoholischer Flüssigkeiten, was sich im Absatzmarkt des Rebenanbauers Jakob Lei besonders bemerkbar macht. Er hat die Marktlücke für das für diese Breitengrade ungewöhnliche Produkt erkannt und baut seit 2015 Weine aus 18 unterschiedlichen Rebsorten aus. Im vergangenen Jahr waren 25.000 Flaschen der Lohn für seine Arbeit. Alle Flaschen sind von Gästen der Insel als Mitbringsel gekauft worden und überraschen durch ihren frischen, fruchtigen Geschmack.
Da im Süden Dänemarks der Gedanke, Produkte möglichst lokal zu kaufen, ein ausgeprägter Trend ist, hat auch Ole Dam einen guten Absatz seiner vier Biersorten. An den Theken von Aarösund und Haderslev wird gern das Bier von der Insel Aarö getrunken. Statt kitschiger Andenken bringen die Besucher des fünf Kilometer langen und vier Kilometer breiten Landfleckens aber auch gern einmal eine Geschenkpackung des Bieres mit nach Hause. „Die steht nicht lange nutzlos irgendwo rum“, erzählt Ole Dam lächelnd und denkt über die Vergrößerung seiner kleinen Brauerei nach. Zu viel Bier auf der Insel zu trinken, wäre allerdings verhängnisvoll, denn die letzte Fähre zum Festland legt noch vor Mitternacht ab. – Kurt Sohnemann

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