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Inselleben bei feinster Frischversorgung aus dem Meer

30. Oktober 2016

Die Auster nimmt auf der dänischen Insel Rømø mittlerweile die Rolle der Steckrübe deutscher Notzeiten ein

Für Mikka ist die Expedition mit seiner Mutter in die dunkle Pampe neu. Schon nach wenigen Metern hat er sich unfreiwillig der Länge nach in den saugenden Untergrund des Wattenmeeres gelegt, das sich zwischen dem dänischen Festland und der Insel Rømø erstreckt. Seine Mutter Bente ist Wattführerin und leitet das Naturkundemuseum auf der Insel. Kopfschüttelnd nimmt sie die Bauchlandung ihres Sohnes zur Kenntnis und wendet sich dem Gefolge zu, das aus Urlaubern besteht. Man muss eben etwas vorsichtiger gehen, als auf der Promenade des kleinen Havenortes Havneby. Alle wollen den Austern auf die Pelle oder besser gesagt auf die Schale rücken. Die Meerestiere, die in den vergangenen Jahren eher der Inbegriff dekadenten Lebens waren, sind mittlerweile schon zum Grundnahrungsmittel der Inselbewohner geworden.

Für die Gäste ist es ein Erlebnis, die Austern aus dem Wattenmeer zu suchen und sie noch am gleichen Tag zu verzehren. Vor dem Vergnügen kommt aber das Handwerk – und das ist nicht immer so einfach, wie es bei den Insulanern auszusehen scheint. Austern sucht man sich am besten in Handtellergröße, um sie dann mit dem speziell dafür gefertigten Austernmesser zu knacken. Wer nicht über dieses Werkzeug verfügt – und das ist bei nahezu allen Urlaubern so, sollte sich eine Kneifzange und einen Schraubendreher zur Hand nehmen. Dann lassen sich die leckeren Meeresbewohner knacken und mit Zitrone gewürzt, gleich an Ort und Stelle verzehren. „Beim Austernsuchen hat man eigentlich immer eine Zitrone in der Tasche“, scherzt eine Rheinländerin und interessiert sich lebhaft für Kochrezepte für die nichttägliche Nahrung aus dem Nationalpark Wattenmeer.

Bente verweist auf die beliebte Art, die pazifische Auster mit Spaghetti zuzubereiten. Außerdem lassen sie sich herrlich überbacken. Dafür sind Mett oder Schinken und Käse trotz ihres intensiven Eigengeschmacks nur zu empfehlen, denn die Muschelart setzt sich in der Auflaufform geschmacklich ebenso beharrlich durch, wie bei ihrer Vermehrung in der Nordsee. „Es gibt sie seit ungefähr 1900. Aber seit 1995/96 hat sich diese Austernart unter den Neozoen intensiv ausgebreitet und die einheimischen Varianten nahezu verdrängt. „Essen sie deshalb möglichst viele davon“, fordert die Naturkundlerin ihr Gefolge auf. Zentnerweise werden die natürlichen Filter des Salzwassers deshalb mit in die Ferienwohnungen genommen, um dort der Experimentierkunst der Hobbyköche gute Dienste zu leisten. „Jährlich werden mittlerweile 25.000 Tonnen dieser Muscheln aus dem Meer geholt. Ein Ende der Vermehrung ist aber nicht absehbar“, beklagt Bente die nahezu explosionsartige Entwicklung der Dekadenzspeise früherer Jahre.

Nun ist die dänische Insel nicht nur wegen ihres außergewöhnlichen Speisenangebots aus dem Meer ein beliebtes Ziel der Urlauber, obwohl auch Mies- und Herzmuscheln zu den Verlockungen gehören, die ohne Angel für den Topf gefangen werden können. Sie gehören zu den zahlenmäßig gut vertretenen Tierarten, von denen es in der Nordsee etwa 2.000 gibt, darunter 200 unterschiedliche Fischgattungen. Rømø steht deshalb auch bei den Anglern hoch im Kurs. Zahlreiche Binnengewässer sind auf der vor 8.000 Jahren nach der Weichseleiszeit gebildeten Insel entstanden, die jetzt eine Alternative zu den Meeresbewohnern bieten.

„Wer hier angeln möchte, befindet sich nahezu im Paradies“, versichert eine einheimische Fischverkäuferin aus Havneby, die täglich zentnerweise geräucherte und frische Fische für Einheimische und Touristen in Papier wickelt, um ihnen das Abendessen zu bereichern. Die Dänen essen nämlich erst abends ausgiebig, während mittags ein kleiner Snack reicht. Dabei sieht man sie gern mal die typischen Hotdogs verzehren, die auf dem Festland wie auch der Insel zu den beliebten Genüssen für Zwischendurch zählen.

Kurt Sohnemann

 

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