Foto: Kira Siewert

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Ein (gefährdetes) Naturparadies

Kira Siewert berichtet über die verschiedenen Landschaftsformen auf Gran Canaria

Nach gut fünf Monaten auf der drittgrößten Insel der Kanaren lerne ich das Leben inmitten des Atlantischen Ozeans mit der Zeit immer mehr zu schätzen. Anfängliche Vorurteile und Zweifel in Bezug auf mögliche Nachteile, die das Leben auf einer Insel mit sich bringen könnte, sind längst überwunden; geblieben ist die Liebe zum Meer und den unendlichen Weiten des Ozeans.

Auch wenn Gran Canaria lediglich einen Durchmesser von etwa 50 Kilometer misst, so hat die nahezu kreisförmige Insel mit einer Küstenlänge von rund 235 Kilometern so vieles mehr zu bieten als Strand und Wellen. Während der Süden der Insel aufgrund des beständigeren Wetters den Großteil der Inselbesucher anzieht, hält der Norden ein nicht weniger attraktives Panorama bereit. So empfängt er seine Besucher vor allem im Winter mit sattem Grün, während der Süden das ganze Jahr über von der eher trockenen Halbwüstenvegetation bedeckt wird. Die fast drei Millionen Touristen jährlich besuchen trotz des ungebrochenen Charmes des rauen Nordens hauptsächlich die Zentren im Süden der Insel: Maspalomas, Playa del Inglés und San Augustín. Aufgrund der Beliebtheit eben jener Strände, sind diese schon von der Autobahn aus an ihren hohen Wolkenkratzern zu erkennen, die in der wüstenähnlichen Landschaft einen deutlichen Kontrast zu der kakteenähnlichen Vegetation bilden.

Auch wenn der Großteil der Urlauber durch die gute Infrastruktur und viele touristische Freizeitangeboten Erholung im Süden sucht, sollte der Rest der Insel keinesfalls unterschätzt werden. Insbesondere Naturfreunde und Abenteuerlustige kommen auch weitab der beliebten, aber mitunter überfüllten Sandstrände des Südens auf ihre Kosten. Neben hübsch restaurierten, präkolonialen Städtchen und einer rauen Küstenlandschaft, deren Charm mitunter in der bisweilen gefährlichen Brandung liegt, erwartet die Besucher im Norden der Insel eine grüne, unaufgeregte Seite Gran Canarias – weit ab vom klassischen Tourismus der Insel.

Während sich der Westen durch schwierig zugängliche Steilküsten und Gebirgsketten auszeichnet, die weitgehend unter Naturschutz stehen, hält der Südwesten hinter dem Küstenstreifen ein wunderschönes, vielseitiges Wandergebiet bereit, welches von nahezu menschenleeren Schluchten, verschieden farbigen Felsen und kleineren Wasserfällen gekennzeichnet ist. Der Osten hingegen zieht vor allem Wassersportler und Geschichtsinteressierte in seinen Bann. So verwandeln beständige Winde die vielen, gut zugänglichen Strände in beliebte Surfspots, während die Schluchten gut erhaltene Höhlendörfer aus präspanischer Zeit beheimaten. Das Zentrum der Insel besticht hingegen durch seine imposante Berglandschaft mit Steilhängen und schmalen Berggipfeln, auf denen faszinierende Monolithen (große, natürliche Gesteinsblöcke) in den Himmel ragen.

Passartwinde aus dem Nordosten bringen selbst im Sommer feuchte, frische Luftmassen mit sich. Diese steigen am Relief der Insel auf und treffen dann in rund 1500 Meter Höhe auf eine wärmere Luftschicht aus dem Westen. Dabei bildet sich eine dichte Wolkenschicht, die von den Kanaren liebevoll „panza del burro“ (Eselsbauch) genannt wird. Dieser Kosename ist auf die alteingesessenen Hirten zurückzuführen, die sich einst zur Mittagszeit in den Schatten ihrer Esel legten und dann beim Erwachen auf den grauen Bauch ihrer Tiere blickten. Auch wenn die Kanaren ihre Siesta schon lange nicht mehr im Schatten ihrer Nutztiere verbringen, so erinnert der Kosename eben jenes Wolkenmeeres noch immer an alte Traditionen.

Tatsächlich gibt es auf Gran Canaria 14 unterschiedliche Mikroklimata, die sich selbstverständlich auch in der Vegetation widerspiegeln; so trifft man in unterschiedlichen Höhenlagen auf eine große Pflanzenvielfalt, auch wenn sich die Vegetation durch die Nutzung durch den Menschen in den letzten Jahrhunderten enorm verändert hat. So war das Zentrum der Insel einst von dichten Pinienwäldern bedeckt, heutzutage ist aufgrund der radikalen Abholzung durch den Menschen lediglich ein Bruchteil davon erhalten, wobei die daraus resultierende Bodenerosion die einst grünen Täler flächendeckend zu grauen Steinwüsten verwandelt hat.

Auch wenn die Regierung in den letzten Jahrzehnten intensive Wiederaufforstungsarbeiten angestoßen hat, wird sich die Natur wohl nie wieder vollständig von dem Fußabdruck der Menschen erholen. Zumal „die Insel des ewigen Frühlings“ immer wieder Brandstiftern zum Opfer gefallen ist. Erst im September letzten Jahres wurden 2.800 Hektar des Zentrums der Insel von einem flächendeckenden Brand heimgesucht, welcher von der einheimischen Presse als „Feuer-Tsunami“ tituliert wurde. Die Verschwörungstheorien hinter den wiederkehrenden Brandstiftungen sind weitgehend undurchsichtig.

Offenbar beheimatet das grüne Zentrum der Insel verschiedenste Interessekonflikte, die – wie so oft – mitunter finanzieller Natur zu sein scheinen. Fakt ist, dass der übrig gebliebene Pinienwald einen besonderen Schutz besitzt und nur nach der Zerstörung durch höhere Gewalt (unter anderem Feuer) zur Bebauung freigegeben werden darf. Wie ich von Inselbewohnern erfuhr, wurde dies vor nicht allzu langer Zeit durch ein sehr umstrittenes Gesetz festgelegt. Leider scheinen sich die Waldbrände seither potenziert zu haben – ein Umstand der verständlicherweise für viele Proteste von Seiten der Einheimischen sorgt, welche bislang jedoch auf wenig Gegenliebe gestoßen sind; das Gesetz bleibt bis dato in Kraft und das (grüne) Landesinnere wird in regelmäßigen Abständen von offenbar vorsätzlich ausgelösten Bränden heimgesucht.

Kira Siewert

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Veröffentlicht am 28. Januar 2018



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